Sonntag, 19. November 2017

Kapitalflucht Griechen bringen Milliarden in Sicherheit

Griechenland erlebt eine Zerreißprobe: Die Beschäftigten streiken gegen den Sanierungsplan der Regierung, die Begüterten stimmen mit dem Konto ab. Die Wohlhabenden bringen aus Angst vor höheren Steuern und Euro-Krise Milliardenbeträge außer Landes. Die Kapitalflucht hat Tradition.

Hamburg - Viel hat Giorgos Papakonstantinou den streikenden Griechen nicht zu bieten, um sie mit sinkenden Staatsausgaben und Löhnen im öffentlichen Dienst, mit einer drastischen Rentenkürzung und anderen Sparmaßnahmen zu versöhnen. "Mit einem neuen Steuertarif verschieben wir die Last von den niedrigen und mittleren zu den hohen Einkommen", verspricht der sozialistische Finanzminister.

Der Spitzensteuersatz soll auf 40 Prozent steigen und ab einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro greifen; das wäre fast so hoch wie in Deutschland, wo ab 52.882 Euro 42 Prozent fällig werden. Zusätzlich soll der Kampf gegen Steuerhinterziehung dem klammen Staat 2,4 Milliarden Euro im Jahr bringen. Doch Papakonstantinou selbst räumt ein, dass seine Geldeintreiber die schwächsten Europas sind, selbst wenn sie nicht streiken.

Nur 19 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung konnte die Regierung im vergangenen Jahr als Steuereinnahmen verbuchen, auch weil viele das Finanzamt belügen. "Niemand glaubt, dass nur 15.000 Griechen mehr als 100.000 Euro im Jahr verdienen", sagte Papakonstantinou dem britischen "Guardian". Doch genau das stehe in ihren Steuererklärungen. Die Villen am Athener Stadtrand, die Jachten in den Häfen, die vielen kleinen Privatinseln sprechen eine andere Sprache.

Ob der ehrgeizige Sanierungsplan der Regierung gelingt und im Volk Akzeptanz findet, hängt davon ab, dass Papakonstantinou den Reichtum des Landes stärker für die Staatsfinanzen nutzen kann. Doch die Aufgabe wird immer schwerer: Seit von höheren Steuern die Rede ist und in extremen Szenarien ein Austritt oder Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone diskutiert wird, nimmt die Kapitalflucht zu.

Eine Expertin der Zentralbank für das Thema reagiert gereizt auf eine Anfrage von manager magazin und verweigert jede Auskunft. Anonyme Schätzungen aus Athener Bankenkreisen reichen bis zu zehn Milliarden Euro, die seit Ausbruch der Staatskrise im November außer Landes gebracht wurden. Als eines der Hauptzielländer wird Zypern genannt. Der zypriotische Finanzminister Charilaos Stavrakis bestätigte laut "Cyprus Mail" im inoffiziellen Gespräch, dass Milliardenbeträge aus dem Mutterland auf den griechischen Teil der Insel fließen.

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