Montag, 28. Mai 2018

Übergewicht Fettbombe für die Volkswirtschaft

Am Sonntag geht die Grüne Woche zu Ende, die stets ein Mehr an kulinarischen Kostbarkeiten verspricht. Die Kehrseite des Genusses ist die Fettsucht-Epidemie, die auch in Deutschland grassiert. Die Adipositas bedroht das Gesundheitssystem - und die Vorstellung, wir würden alle immer älter.

Hamburg - 400 Meter lang war die Wurst. Ein nicht enden wollender Traum aus Fleisch und Gewürzen. Und nicht zuletzt aus Fett, denn das ist der beste Geschmacksträger. Die Oederaner Fleischerei Richter hatte diesen Wursttraum für die Grüne Woche wahr werden lassen, die Ernährungsmesse in Berlin. Vergangenen Montag verkaufte der sächsische Landwirtschaftsminister Frank Kupfer (CDU) das Monstrum in kleinen Stücken. 2,50 Euro pro Zipfel, der Erlös kommt einem karitativen Projekt in Ghana zu Gute.

Schnell und würzig: Die Ernährungsgewohnheiten verändern sich
So sehen PR-Events auf der Grünen Woche aus: Riesenwürste, Riesenkrüge, Riesenbuffets. Das beeindruckt Publikum und Medien. Ein Termin zum Umgang mit Fettsucht findet sich dagegen nicht im Veranstaltungskalender der Messe. Dabei ist Fettsucht ein Riesenproblem.

"Fettsucht ist eine Epidemie", erklärt Stefanie Gerlach, Sprecherin und Vorstandsmitglied der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG). "Der Begriff ist nicht nur ein Hype in den Medien, sondern wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon vor Jahren verwendet." Er beschreibe völlig korrekt die grassierende Gewichtszunahme immer größerer Bevölkerungsteile in den Industriestaaten und Schwellenländern.

Es ist paradox: Während sich Prominente kasteien und zur vermeintlichen Traumfigur hungern, während die offensichtliche Magersucht von Models selbst zum Modethema wird, futtern sich immer mehr Menschen dieser Länder einen Wohlstandsbauch an. Lange hat man das belächelt - das ein oder andere Pfund zuviel macht ja nichts. Doch der Trend der vergangenen Jahre geht zu immer mehr Bauch bei immer mehr Menschen.

Die Politik ist alarmiert. Und sie greift durch. In Dänemark plant die Regierung eine Fettsteuer, etwa auf Butter und Käse. Pro Kilogramm gesättigter Fettsäuren sollen 25 Kronen an den Fiskus fließen, was das halbe Pfund Butter um ein Drittel verteuern könnte. Im US-Staat New York soll nach dem Willen des Gouverneurs David Paterson bald eine "Obesity Tax" gelten, die Cola und süße Limonaden um bis zu 18 Prozent verteuert, während Milch, Fruchtsäfte und zuckerfreie Getränke verschont bleiben. Und Lettland hat 2006 den Verkauf von Limo, Schokolade und Kartoffelchips in Schulen und Kindergärten verboten.

In Großbritannien wird über solche Maßnahmen erhitzt debattiert. Zwar ist es der Londoner Regierung bislang nicht gelungen, erfolgreich für Steuerpläne wie die der Dänen zu werben. Aber immerhin konnte sie bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln die verbraucherfreundliche Ampel durchsetzen, die in Deutschland von Lobbyisten verhindert wurde. Eine Regierungskommission hatte argumentiert, jeder zehnte verfrühte Todesfall ließe sich verhindern, wenn es einen drastischen Schwenk in der Ernährung der Briten gebe.

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