Mittwoch, 14. November 2018

Kommentar Juristen-Republik Deutschland

Das Juristenmonopol scheint ungebrochen: Die Hälfte der Kabinettsmitglieder hat eine Rechtsausbildung. Besonders auffällig erscheint der Wechsel von einem Volkswirt zu einem Juristen an der Spitze des Finanzministeriums.

Wir werden ihn vermissen, unseren Peer Steinbrück, auch wenn wir nicht die SPD gewählt haben. Den Mann, der mit seinem frechen, flinken Mundwerk die Schweizer zur Weißglut brachte, der keinerlei Respekt vor der Bankergilde zeigte, der so viel Lust an der Provokation offenbarte. Den Mann aber auch, der sich fachlich so gut wie nie irgendwelche Blößen gab, der firm war in der Haushaltsarithmetik, in der Steuerlehre, in der Übersicht über die Finanzmärkte.

Es geht, unfreiwillig, ein Ökonom, Volkswirt mit Diplom der Universität Kiel, und es kommt ein Jurist mit zwei Staatsexamen. Wolfgang Schäuble ist ein ehrenwerter Mann (auch wenn ihm die CDU-Spendenaffäre noch immer anklebt). Aber ist er auch der richtige Mann für das Finanzministerium in diesen Zeiten? Ist ein ausgewiesener Innenpolitiker, ein begeisterter Jurist an der Spitze des für das wirtschaftliche Wohlergehen des Landes wichtigsten Ministeriums die beste Wahl?

Schäuble befindet sich in guter Gesellschaft. Acht von sechzehn Kabinettsmitgliedern gehören dem Stand der Volljuristen an. Gerade mal zwei haben eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung genossen (Diplom-Volkswirt Rainer Brüderle und Diplom-Kaufmann Peter Ramsauer), zwei sind Mediziner (Ursula von der Leyen und Philipp Rösler), eine ist Physikerin (Angela Merkel), einer Verwaltungswirt (Dirk Niebel), eine Theologin (Annette Schavan) und eine Elektrotechnikerin (Ilse Aigner).

Eine Regierung in der Hand von Juristen. Wie man sich doch irren kann. Hatten wir doch die Vorherrschaft von Juristen in Staat, Verwaltung und Unternehmen, die das Land seit über hundert Jahren prägte, für überwunden gehalten. Tatsächlich war ja die Zahl der Juristen in der Ära der sozialliberalen Koalition rückläufig, das so genannte Juristen-Monopol wurde, so schien es, allmählich überwunden.

Damals prägten Männer wie Kanzler Helmut Schmidt, die Finanzminister Karl Schiller, Hans Matthöfer und Hans Apel, alles Volkswirte, das öffentliche Bild der Regierung. In der staatlichen Verwaltung hielten immer mehr Ökonomen Einzug. An die Spitze der Banken und der großen Industrie-Unternehmen, wo die Juristen traditionell den Ton angaben, wurden neben den Ingenieuren zunehmend Diplom-Kaufleuten und -Volkswirte befördert.

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