Montag, 18. März 2019

Der Kampf ums Brot Knappe Rohstoffe, hohe Preise

Ein halbes Jahr ist mm-Reporter Wolfgang Hirn um die Welt gereist, um sich ein Bild von der globalen Ernährungssituation zu machen. Lesen Sie im dritten Auszug aus seinem neuen Buch "Der Kampf ums Brot", warum die Preise für unsere Grundnahrungsmittel steigen werden.

Klaus Gehrig ist groß und kräftig - in jeder Beziehung. Der Zwei-Meter-Hüne Gehrig ist der starke Mann beim Lebensmitteldiscounter Lidl. Und in dieser Funktion ist er bisher nur als Preisdrücker aufgefallen. Lange Zeit gab es für Lidl wie auch für dessen deutschen Erzrivalen Aldi bei den Preisen nur eine Richtung, und zwar die nach unten. Deshalb passen die folgenden Worte - gesprochen in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE - eigentlich gar nicht zum bulligen Klaus Gehrig: "Der Druck auf die Lebensmittelpreise wird weiter kräftig wachsen. Die Zeit von dauerhaften Preissenkungen ist vorbei."

Magere Ernten, erhöhte Nachfrage: Die weltweite Versorgungslücke wird in den nächsten Jahren noch steigen
Der Herrscher über Europas größten Lebensmittelfilialisten hat leider recht. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Preise für Brot, Butter, Fleisch und Gemüse steigen werden.

Über 40 Jahre lang haben wir uns daran gefreut, dass Lebensmittel im Supermarkt immer günstiger wurden. Doch nun kehrt sich der Trend um, die Preise zeigen nach oben. "Die Ära billiger Nahrungsmittel ist vorbei", schreibt der "Economist".

Wir sollten uns in dieser Einschätzung nicht von den seit Herbst 2008 gesunkenen Preise für Agrarrohstoffe und Lebensmittel irritieren lassen. Die Ruhe an der Preisfront ist trügerisch, denn sie ist nur vorübergehend. Sie ist bedingt durch die hartnäckige globale Rezession, die mit deflationären Tendenzen verbunden ist. Das haben Rezessionen so an sich. Doch die Preisrückgänge sind wie die Rezession ein vorübergehendes konjunkturelles Phänomen, das das strukturelle zeitweise überlagert.

Das strukturelle Problem bleibt uns auch nach Ende der Rezession erhalten. Es wird uns dann sogar, wenn die Nachfrage wieder anzieht, umso härter treffen. Denn das ist auf dem globalen Nahrungsmittelmarkt das Grundproblem: Steigende Nachfrage trifft auf stagnierendes Angebot - nach dem marktwirtschaftlichen Einmaleins steigen in einer solchen Situation die Preise. Das Fatale für die Konsumenten ist, dass dieser Nachfrageüberhang bei nahezu allen landwirtschaftlichen Rohstoffen und Produkten besteht. Ob Fleisch oder Reis, ob Mais oder Milch, ob Kaffee oder Kakao - die Ernten und die Produktion können mit der Nachfrage der Milliarden Verbraucher nicht mithalten.

Weil das so ist, muss immer mehr auf die weltweiten Vorräte zurückgegriffen werden. Die Silos und Lagerhallen werden dadurch immer leerer. Für einen Rohstoff nach dem anderen werden historische Tiefstände vermeldet. Seit 1999 sinken die weltweiten Bestände an Mais, Reis und Weizen. Und es besteht wenig Hoffnung, dass sie in den nächsten Jahren wieder aufgefüllt werden können.

Im Gegenteil: Die weltweite Lücke zwischen Nachfrage und Angebot wird in den nächsten Jahren noch größer werden.

Denn die Nachfrage wird steigen, weil - wie in den vorigen Kapiteln beschrieben - die Zahl der essenden Menschen steigt und viele Konsumenten aus der neuen globalen Mittelschicht ihre Essgewohnheiten ändern. Und das Angebot wird zurückgehen, weil - wie ebenfalls vorher ausgiebig erläutert - es immer weniger Ackerland gibt, der Klimawandel die Landwirtschaft hart treffen wird und der Biosprit in Konkurrenz zum Essen tritt.

Wir müssen deshalb Abschied nehmen von den Zeiten der Überproduktion, von den Milchseen und Fleischbergen. Billige, jederzeit verfügbare Lebensmittel - das war gestern. Wir müssen umdenken und uns daran gewöhnen, dass unser Essen immer teurer wird. Aber wie teuer wird es werden? Die Welternährungsorganisation FAO wagt zusammen mit der OECD regelmäßig einen Ausblick in die Welt der Ernährung und deren Preise. Im neuesten Agricultural Outlook 2008-2017 erwartet sie bis 2017 folgende Preisanstiege: Rind- und Schweinefleisch wird danach um 20 Prozent, Weizen und Mais um 40 bis 60 Prozent, Butter um über 60 Prozent und Pflanzenöle über 80 Prozent teurer. Freuen kann sich darüber nur eine Minderheit - die Börsianer.

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