Montag, 10. Dezember 2018

Gastbeitrag Klimakatastrophe

Egal ob Burn-out oder Bore-out - der innere Zustand unserer Unternehmen ist oftmals schlecht. In einem Gastbeitrag geben die Unternehmensberaterin Nicolette S. Strauss und der ehemalige Wirtschaftsstaatssekretär Rezzo Schlauch Anregungen, wie man ihn verbessern kann.

Würde ein typisches Unternehmen unserer Zeit von Messinstrumenten der Klimaforscher untersucht, dann könnten diese mit Fug und Recht von einer zweiten Klimakatastrophe sprechen. Denn Stimmung, Motivation und Vertrauen in vielen Unternehmen sind nahe dem Nullpunkt - und das ist nicht nur ein beklagenswerter Zustand, sondern ein handfestes wirtschaftliches Risiko für unsere Wirtschaft und Gesellschaft.

Unsere Eltern und Großeltern kannten das noch: Der Beruf - das war mehr als ein Tauschgeschäft Arbeitskraft gegen Bezahlung. Das war die Wurzel der eigenen Identität. Man war "Aniliner" (BASF), "Siemensianer" oder arbeitete "beim Daimler" - und zwar lebenslang.

Nicht selten schwang da Stolz mit, denn die Beschäftigung bei einem solchen Betrieb versprach Ansehen, Sicherheit und Zugehörigkeit, ja vielleicht sogar Arbeit über viele Generationen einer Familie hinweg. Den Beschäftigten der vielen namenlosen mittelständischen Betriebe ging es ähnlich. Ihr Arbeitgeber war vielleicht keine Marke von Weltruhm, dafür aber unangefochtener Platzhirsch in der Region, der schon dem Großvater, dann dem Vater und schließlich auch noch dem Sohn Ausbildung und Berufstätigkeit ermöglicht hatte.

Wenn heute Wolfgang Grupp, Inhaber des Textilunternehmens Trigema, den Kindern seiner Mitarbeiter nach ihrem Schulabschluss einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz garantiert, dann festigt er damit bestenfalls seine Rolle als Paradiesvogel unter den Managern.

Frustration: Fast 90 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich ihrem Arbeitgeber kaum verpflichtet
In der Breite der deutschen Unternehmenslandschaft ist die Lage eine andere: Fast 90 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich ihrem Arbeitgeber kaum verpflichtet. Das Meinungsforschungsunternehmen Gallup hat in seinem "Engagement Index" im Jahr 2008 gemessen, dass nur 13 Prozent der Beschäftigten hoch engagiert sind. Rund zwei Drittel machen Dienst nach Vorschrift, und jeder Fünfte hat innerlich gekündigt.

Das heißt: Er oder sie tut im besten Fall gerade noch so viel, dass keine Abmahnung oder Kündigung riskiert wird. Im schlechtesten Fall verhalten sich solche Mitarbeiter destruktiv, demotivieren oder stacheln die Kollegen an und schaden Projekten durch Boykott, Sabotage, Korruption oder Untreue. Krasseste Folge einer schlechten Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung können Straftaten sein: Laut einer 2007 veröffentlichten Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg geht die Hälfte aller Fälle von Wirtschaftskriminalität auf Beschäftigte des eigenen Unternehmens zurück. Die errechneten sechs Milliarden Euro Schaden jährlich stellen nach Ansicht der Studie nur die Spitze des Eisbergs dar.

Diese und viele andere Statistiken zeigen: Das seit Jahren niedrige Motivationsniveau in deutschen Betrieben ist ein handfestes betriebswirtschaftliches Problem: Denn je schlechter die Einstellung zum Unternehmen, desto höher auch zum Beispiel die Fehlzeiten. Arbeitnehmer mit hoher Bindung an ihren Arbeitgeber fehlen im Schnitt 4,3 Tage pro Jahr, Angestellte mit geringer Bindung dagegen zehn Tage, wie das Sozialforschungsinstitut IFAK ermittelt hat.

Laut der Gallup-Studie von 2008 könnte ein Unternehmen mit 2000 Mitarbeitern also fast eine Million Euro im Jahr mehr verdienen, wenn alle Mitarbeiter nur so wenig fehlten wie die Hochmotivierten. Frust steigert zudem die Fehlerquoten, und das schadet Unternehmen auf sehr vielen Ebenen. Beispiele sind unzufriedene Kunden, Verzögerungen bei der Projektabnahme, Umsatzminderung durch Mängelnachlässe, weniger Empfehlungen und Folgeaufträge, Kosten für Fehlerbehebung, Produktivitätsverlust in nachgelagerten Arbeitsschritten und so weiter. Und auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Zufriedene Arbeitnehmer sind deutlich engagierter, wenn es um Verbesserungen und Innovationen am Arbeitsplatz geht.

Wenig loyale und motivierte Beschäftigte neigen auch eher dazu, das Unternehmen zu verlassen. Einerseits mag dies vielleicht die bessere Lösung und im Einzelfall ein regelrechter Befreiungsschlag sein, zumal wenn der Demotivierte in einer Schlüsselposition sitzt. Andererseits zieht jeder Weggang Kosten für die Neubesetzung der Stelle, Ausgleich von Know-how-Verlust und Einarbeitung des neuen Stelleninhabers nach sich. Ein weiteres, monetär sehr schwer zu messendes Manko: Menschen mit einer negativen inneren Einstellung zu ihrer Berufstätigkeit wirken auf ihre Umwelt wie "Energie-Staubsauger" - sie können Motivation und Einsatz ihrer Kollegen erheblich schwächen.

Jeder kennt diese notorischen Bedenkenträger, Unkenrufer und Stimmungskiller, die mit einem lapidaren "Es hat bisher nicht geklappt, wieso sollte es diesmal klappen?" binnen weniger Sekunden aus einem Team, das nach der Projektbesprechung mit dem Chef eigentlich guten Mutes war, buchstäblich die Luft rauslassen kann. Wenn in einer Abteilung oder einem Unternehmen mehr Demotivierte als Motivierte tätig sind, steht schnell das ganze System auf der Kippe. Wie betriebswirtschaftlich ernst solche Phänomene zu nehmen sind, hat Gallup errechnet: Insgesamt soll sich der volkswirtschaftliche Schaden von schlecht motivierten und wenig loyalen Beschäftigten auf bis zu 109 Milliarden Euro pro Jahr summieren - Geld, das gerade in den heutigen Zeiten wirtschaftlicher Krise dringend an anderer Stelle benötigt wird.

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