Dienstag, 20. Februar 2018

HRE Rechnete Bankenaufsicht bereits im Frühjahr mit Lehman-Pleite?

Von wegen Blitz aus heiterem Himmel: Bereits im März 2008 erkundigten sich nach Informationen von manager-magazin.de Bundesbank und Finanzaufsicht bei der Hypo Real Estate, wie viel Kapital die mittlerweile verstaatlichte Skandalbank im Falle einer Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers verlieren würde.

Hamburg - Die Verteidigungslinie von Jochen Sanio war klar. Während seiner Vernehmung im Untersuchungsausschuss des Bundestags zur Beinahepleite der Skandalbank Hypo Real Estate Börsen-Chart zeigen wiederholte der Chef der deutschen Bankenaufsicht immer wieder sein zentrales Argument: Die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers sei nicht vorhersehbar gewesen, weder von seiner Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), noch von Axel Webers Bundesbank, die ebenfalls für Bankenaufsicht zuständig ist.

Viele offene Fragen: Anders als bisher bekannt, hatten bereits im März 2008 Bundesbank und Bafin die Möglichkeit einer Lehman-Pleite in Betracht gezogen
Vor Lehman sei die Lage bei der HRE zwar angespannt gewesen, habe aber kein Eingreifen der Aufsichtsbehörden gerechtfertigt. Erst die überraschende Lehman-Pleite am 15. September 2008 habe die HRE dann unvermeidlich in den Abgrund gezogen, weil der Markt für kurzfristige Kredite zwischen Banken schlagartig austrocknete und die HRE sich kein frisches Kapital mehr verschaffen konnte.

Doch ganz so überraschend kam die Lehman-Pleite für die Bankenaufseher offenbar nicht, wie manager-magazin.de jetzt erfuhr: Bereits im März und dann noch einmal im August 2008 ließ die Bundesbank "in enger Abstimmung mit der Bafin" die Risikopositionen deutscher Geschäftsbanken (darunter der HRE) gegenüber US-Investmentbanken (darunter Lehman Brothers) abfragen. Auch die zum damaligen Zeitpunkt als gefährdet geltende schweizerische UBS war Bestandteil der Abfrage.

Der als "geheim" gestempelte turnusmäßige Risikobericht der Bundesbank zur HRE vom 23. September 2008 weist auch das Ergebnis der zweiten Umfrage vom 22. August 2008 aus: Demnach wies die HRE gegenüber den ausgewählten US-Banken und der UBS ein sogenanntes Netto-Exposure von 6,74 Milliarden Euro aus. Das wäre die Summe, die die HRE theoretisch an Forderungen eingebüßt hätte, wenn alle abgefragten US-Banken und die UBS Börsen-Chart zeigen zahlungsunfähig geworden wären. Die wahren Kosten einer Bankenpleite liegen indes nicht im direkten Forderungsausfall, sondern im Vertrauensverlust beim Kreditgeschäft zwischen Banken, der der HRE schließlich auch zum Verhängnis wurde.

Eine Sprecherin der Bafin bestätigte gegenüber manager-magazin.de: "Erstmals im März und dann noch einmal im August 2008 hat die Bundesbank in enger Abstimmung mit der Bafin die Risikopositionen deutscher Geschäftsbanken gegenüber US-Investmentbanken abgefragt. Man wollte sich einen Überblick darüber verschaffen, wie deutsche Banken in den USA engagiert sind." In den vergangenen Jahren habe die Bankenaufsicht eine Vielzahl von Abfragen durchgeführt, um aktuelle Zahlen zu den Engagements deutscher Banken in verschiedenen Bereichen zu erhalten.

Dass jedoch innerhalb weniger Monate gleich zweimal die Exposure der HRE gegenüber Lehman Brothers erhoben wurde, muss zumindest als ungewöhnlich gelten. "Die Anfrage der Bundesbank zeigt, dass die Lehman-Pleite nicht wie der Blitz aus heiterem Himmel kam", sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag und Mitglied im HRE-Untersuchungsausschuss. "Mit der Pleite einer US-Investmentbank musste gerechnet werden und wurde zumindest aufseiten der Bundesbank auch gerechnet."

Spätestens zum Zeitpunkt der Voranfrage hätte Bafin-Chef Sanio laut Schick beginnen müssen, ein Rettungskonzept für die HRE auszuarbeiten - oder zumindest die Leitungsebene des Finanzministeriums über die Schieflage der HRE zu informieren.

Doch erst am Freitag, den 26. September 2008 wurde die Bafin aktiv, nachdem die HRE selbst vor ihrer drohenden Pleite gewarnt hatte. Während eines hektischen Krisenwochenendes vereinbarten Bundesregierung, Bafin, Bundesbank und private Geschäftsbanken ein 35 Milliarden schweres Rettungspaket für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer, das wenig später auf 50 Milliarden aufgestockt werden musste.

Für die Suche nach alternativen Auswegen war keine Zeit, die HRE musste gerettet werden, bevor die Börsen öffneten. "Sie wären am Montagmorgen aufgewacht und hätten sich im Film 'Apocalypse Now' befunden", sagte Sanio vor dem HRE-Untersuchungsausschuss. Doch nun zeigt sich: Bereits im März hatten Bundesbank und Bafin die Möglichkeit einer solchen Apokalypse in Betracht gezogen.

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