Mittwoch, 19. September 2018

Einzelhandel "Nie dagewesenes Ringen um Liquidität"

Handelshäuser bekommen die Krise schmerzhaft zu spüren: Auf der einen Seite müssen sie mit sparsamen Konsumenten rechnen, auf der anderen knausern die eigenen Lieferanten. Mit denen schachern sie immer nervöser ums Bargeld. Verschärft wird die Situation durch die Kreditversicherer, wie eine aktuelle Studie belegt.

München - Hertie, Karstadt, Woolworth: Der Handel leidet an galoppierender Schwindsucht. Hatten diese drei prominenten Pleitefälle schon vorher ernste Probleme, trifft es in der Wirtschaftskrise zunehmend auch gesunde Unternehmen. Denn das Problem sind nicht allein die Kunden, die jeden Cent umdrehen, sondern ganz besonders die Lieferanten und Handelspartner der Verkäufer.

Alles muss raus: Woolworth am Ende
Das geht aus einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Alix Partners hervor, die auf Turnarounds und Ertragssteigerungsprogramme spezialisiert ist. Sie bat 94 europäische Handelsunternehmen um eine Einschätzung der Lage der Branche. Ergebnis: 73 Prozent der Befragten glauben, dass ihr Geschäft langfristig von der Krise betroffen sein wird. Die geplanten Gegenmaßnahmen reichen von Sortimentsreduzierungen und Arbeitszeitverkürzungen bis hin zu Ladenschließungen und Räumungsverkäufen.

Die Händler beklagen sich demnach nicht nur über eine sinkende Nachfrage der Endkunden, sondern auch über Schwierigkeiten mit Lieferanten und Kreditversicherern. Sie bedrohen die Liquidität der Unternehmen massiv.

Am Rande der Zahlungsunfähigkeit

So berichten 62 Prozent der Handelsunternehmen, dass sie von Lieferanten um kürzere Zahlungsfristen gebeten wurden, während gleichzeitig 58 Prozent der Händler von ihren Lieferanten längere Zahlungsziele verlangen und später bezahlen. Jede Seite versucht, das Geld so lange wie irgend möglich in der eigenen Kasse zu belassen. Das lässt den Schluss zu, dass viele der Handelspartner am Rande der Insolvenz operieren.

"Wir sehen derzeit ein bislang nie dagewesenes Ringen um Liquidität zwischen Händlern und Lieferanten", kommentiert Detlev Schauwecker, Managing Director und Retail-Experte bei Alix Partners, die Konflikte zwischen Händlern und Lieferanten. Das Klima zwischen Lieferanten und Händlern ist gereizt.

Was die Lage verschärft, ist die neue Zurückhaltung der Kreditversicherer. Die ist verständlich: Nach ihrer Einschätzung lauern derzeit die höchsten Ausfallrisiken im Handel. So kommt es, dass 45 Prozent der befragten Handelsunternehmen von ihren Versicherern die Kreditlimits gekürzt bekommen.

Damit wird der Kampf um die Liquidität abermals angeheizt. Ohne Kreditversicherung fordern viele Lieferanten Vorkasse oder kürzere Zahlungsfristen. "Dadurch fällt ein für Händler wichtiges Liquiditätsstandbein weg", erläutert Schauwecker die Folgen der Limitkürzungen für Handelsunternehmen.

Folgerichtig sparen die Händler, wo es nur geht. 78 Prozent gaben an, bereits ihre Warenbestände reduziert zu haben. Die Unternehmensberater von Alix gehen davon aus, dass viele Unternehmen auf diese Liquiditätskrise schlecht vorbereitet sind. Die Folgen fasst Schauwecker so zusammen: "Der Einzelhandel steht vor einer der größten Marktkonsolidierungen seit Jahrzehnten."

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