Mittwoch, 19. Dezember 2018

Norbert Walter "Eine Erholung, die wacklig und zittrig ist"

Die deutsche Wirtschaft wird sich nur sehr langsam aus der Krise befreien, prognostiziert Norbert Walter. Im Interview mit manager-magazin.de erklärt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, warum er weitere Unternehmenspleiten befürchtet - und dennoch bereits wieder Aktien kauft.

mm.de: Herr Professor Walter, früher als der Internationale Währungsfonds und die führenden Wirtschaftsinstitute haben Sie prognostiziert, die deutsche Konjunktur werde 2009 um mindestens 5 Prozent einbrechen. Was gab den Anlass für diese pessimistische Einschätzung?

Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank: "Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich nicht vor Herbst 2010 aufhellen"
Norbert Walter: Meine Einschätzung ist mitnichten pessimistisch, sondern schlicht realistisch. Die meisten Leute verschließen ihre Augen vor den wahren Problemen. Sie glauben, hohe Auftragsbestände seien eine wirksame Garantie, dass eine Rezession ausbleibt. Es gibt aber auch ältere Leute, so wie mich, die schon immer wahrgenommen haben, dass Aufträge auch storniert werden können, was dann entscheidend zur Vertiefung einer Rezession beiträgt. Es kann auch vorkommen, dass Bestellungen verzögert werden. Und schließlich wird selbst eine Bestellung, die zwar aufrechterhalten wird, durch den Produzenten nicht mehr bedient werden wollen, wenn der Auftraggeber Existenzrisiken ausgesetzt ist. Das habe ich meinen Pappenheimern in der Wirtschaft im vergangenen Jahr immer wieder gesagt, aber sie haben mir nicht zugehört.

mm.de: Gehen Sie davon aus, dass Unternehmenspleiten im großen Stil drohen?

Walter: Es wird weitere Unternehmenszusammenbrüche geben, analog wird die Arbeitslosigkeit ansteigen und die Beschäftigung sinken. Es ist aber durchaus möglich, dass wir Mitte 2009 den niedrigsten Stand der Produktion erreicht haben werden. Ab Jahresmitte könnte es dann wieder leicht aufwärts gehen.

Mehr zum Thema in: manager magazin 6/2009

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Einige Aktiengurus glauben bereits an den Beginn einer nachhaltigen Hausse. Was ist dran an den Szenarien der Experten. Lesen Sie mehr im aktuellen manager magazin, Heft 6/2009, ab Seite 132.

mm.de: Also doch ein baldiger Aufschwung?

Walter: Nein, die leichte Erholung wird nur die Industrieproduktion betreffen. Der Dienstleistungssektor - speziell der nicht international ausgerichtete Bereich - hinkt erfahrungsgemäß deutlich hinterher. Eine Besserung ist hier frühestens Ende des Jahres denkbar. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich nicht vor Herbst 2010 aufhellen. Von einem Aufschwung zu sprechen, ist aber selbst dann noch verfrüht. Das ist allenfalls eine Erholung, die wackelig und zittrig ist und zu einem großen Teil auf die Konjunkturförderprogramme zurückgeht.

Eine schnelle Rückkehr der unternehmerischen Investitionsbereitschaft werden wir im kommenden Jahr bestimmt noch nicht sehen, dazu wird die Kapazitätsauslastung und die Stimmung noch zu schlecht sein.

mm.de: Wie sieht Ihr Worst-Case-Szenario aus?

Walter: Im schlimmsten Fall verliert die Menschheit endgültig den Glauben an das Geldsystem. Die Nationalstaaten retten ihre eigenen Unternehmen und machen die Grenzen dicht. In einem solchen Szenario bestünde die Gefahr einer Wiederholung der Weltwirtschaftskrise. Ein mehrjähriger Rückgang des weltweiten Sozialprodukts wäre die Folge. Das ist aber nicht, was ich für einen wahrscheinlichen Fall ansehe.

mm.de: Die Aussichten für die Realwirtschaft sind also düster. Wie steht es um die Finanzbranche?

Walter: Die Banken unterliegen relativ strikten Bewertungsvorschriften, quartalsweisen Berichtspflichten und einer strengen Aufsicht. Mit den bereits erfolgten Abschreibungen und der gewaltigen Eigenkapitalvernichtung müssten die Banken das Schlimmste bereits überstanden haben. Das heißt aber nicht, dass weitere Abschreibungen ausgeschlossen sind.

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