Sonntag, 22. Juli 2018

Bankenrettung "Kultur der Komplizenschaft"

Braucht die Hypo Real Estate mehr Staatshilfe? Soll sie enteignet werden? Im Gespräch mit manager-magazin.de fordert der US-Ökonom James Galbraith die Insolvenz von Krisenbanken - und mehr Kontrolle durch den Staat. Denn von den Verantwortlichen der Finanzkrise ist keine Hilfe bei der Rettung des Wirtschaftssystems zu erwarten.

mm.de: Professor Galbraith, Sie kritisieren die Praxis, angeschlagene Banken mit Steuergeldern zu stützen und fordern, sie stattdessen für insolvent zu erklären. Warum?

Der Ökonom James K. Galbraith (52) hat sich längst aus dem Schatten seines berühmten Vaters John herausgearbeitet. Als Professor lehrt er an der University of Texas in Austin, als Kommentator aktueller Entwicklungen ist er für seinen Furor bekannt. Galbraith ist ein erklärter Gegner der US-Programme zur Bankenrettung und hat bei Abstimmungen im Repräsentantenhaus versucht, Abgeordnete umzustimmen.
Galbraith: Banken, die mit Hunderten von Milliarden Dollar gestützt werden müssen, sind faktisch insolvent. Was wir benötigen, ist ein realistisches Bild von den Verlusten, die diese Geldhäuser tatsächlich gemacht haben. Aber solange das alte Management weiter an der Spitze einer solchen Bank steht, hat es keinerlei Anreiz, bei der Wahrheitsfindung mitzuhelfen. Das ist das eine Problem, vor dem wir stehen.

Das andere ist: Eine zahlungsunfähige Bank hat keinerlei Veranlassung mehr, seriöse Bankgeschäfte zu betreiben. Die Anreize sind pervertiert. Das alte Management wird eher zocken und weitere Kapitalverluste anhäufen, einfach weil die Aussicht besteht, dass die Bank ohnehin bald geschlossen wird.

Nehmen wir einmal an, die Lage der Bank ist völlig hoffnungslos, oder der Vorstand ist durch und durch korrupt, dann besteht der größte Anreiz in dieser Situation darin, die Bank zu plündern und so viel Geld mitzunehmen wie möglich, bevor das wahre Ausmaß der Schäden ans Tageslicht kommt. Dazu streichen die Manager noch in dieser Situation Boni und Dividenden ein.

mm.de: Werden wir bereits Zeugen solchen Verhaltens?

Galbraith: Die Anreize dafür sind eindeutig gegeben. Wenn eine Bank so große Verluste macht, dass ihr Eigenkapital aufgezehrt wird, dann ist eine Aufsicht dringend geboten.

Das muss nicht heißen, dass die Bank geschlossen wird. In den USA geht man für gewöhnlich so vor, dass die Bank am Freitagabend schließt und Montagmorgen unter einem neuen Namen wiedereröffnet, mit einer neuen Führungsmannschaft und mit einer Kommission, die die Bücher überprüft. Sie wird versuchen, die gesunden Geschäfte und Privatkredite von den hoffnungslosen Fällen zu trennen. Für die hoffnungslosen Fälle erzwingt sie Abschreibungen auf den Wert der Aktien und nachrangigen Verbindlichkeiten. Das führt dazu, dass die Anteilseigner die Verluste tragen - wie es ja auch sein soll. Dann zerlegen sie die Bank in solche Einzelteile, die Aussicht haben, bald wieder lebensfähig zu werden. Das Ganze ist ein Verfahren der Neuorganisation und Rekapitalisierung.

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