Montag, 29. August 2016

Finanzmarktkrise "Weltverschwörung der Spießer"

Wie konnte es zu der Finanzmarktkrise kommen? Während die einen überrascht wurden, prophezeiten die anderen den Zusammenbruch schon seit langem. Der Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch über Spekulation, Größenwahn, Gier und das Ende unseres High-Speed-Zeitalters

Frage: Die Finanzkrise hat die Gesellschaft in allen Bereichen erreicht. Haben Sie denn irgendetwas kommen sehen oder geahnt? Gab es irgendwann einen Punkt, wo Sie als Philosoph gesagt haben: Das kann nicht gut gehen.

Peter Sloterdijk (61) ist Kulturphilosoph und seit 2001 Rektor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Er moderiert zusammen mit Rüdiger Safranski "Das Philosophische Quartett" im ZDF.
Sloterdijk: Seit zwei Jahrzehnten schreibe ich Bücher, in denen der Kartenhauscharakter unserer Weltkonstruktion dargestellt wird, die durchwegs auf Krediten bei der Zukunft beruht. Hierfür habe ich verschiedene Metaphern bemüht. Ich habe von dem Kristallpalast gesprochen, der unsere Lebensentwürfe in eine zerbrechliche Hülle einfasst. Ich habe von Schneeballsystemen gesprochen, die dem Selbstbetrug von Zinsenjägern zugrunde liegen, ich habe in meinem vorletzten Buch "Zorn und Zeit" über "Kollapsverzögerung in gierdynamischen Systemen" geschrieben.

Es war nicht schwer zu prognostizieren, was früher oder später geschehen musste. Ich bin einer unter tausend Autoren, die im Augenblick überhaupt nicht überrascht sind. Wenn Sie die zeitgenössische Literatur überblicken und in den Zeitungen der vergangenen zehn Jahre blättern, sehen Sie: Es gibt sehr viele, die den Inflationsschwindel bemerkt hatten und jetzt, übrigens bemerkenswert untriumphal, feststellen, sie hätten seit Jahren vorhergesagt, was aktuell geschieht.

Frage: Aber dann stellt sich doch die Frage: Warum hat niemand reagiert? Wirtschaftsjournalisten waren es kaum, die sich kritisch zeigten. Herr Sloterdijk, Sie sagen, es gab viele andere. Warum hat man Sie nicht gehört? Nicht erhört?

Sloterdijk: Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Die erste heißt: Die Wirtschaftskommentatoren sind großteils "eingebettete Journalisten" - sie schreiben dem Tagesbefehl gemäß und ziehen mit ihrer Truppe ins Feld. Für sie wären Argumente gegen den Mainstream beruflicher Selbstmord. Die zweite Antwort lautet: Die Handelnden auf dem Gebiet der Finanzmarktspekulation leben völlig außerhalb der Hörweite der analytischen Intelligenz. Sie sind von ihren Spielen berauscht und haben keine freien Kapazitäten für alternative Gedanken. Soviel ich weiß, nahmen sich auch die Konquistadoren keine Zeit für Ethikseminare.

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