Donnerstag, 24. August 2017

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Bank, Banker, Bankrott "Hätten Sie die Millionen in Cash?"

Was treiben die Mächtigen der Finanzwelt? Wie sieht ihre Arbeit, wie ihr Leben aus? manager-magazin.de präsentiert Auszüge aus dem Buch "Bank, Banker, Bankrott", in dem Autor René Zeyer eine literarische Innenansicht der Branche liefert. Lesen Sie im zweiten Teil, wie Gelddealer Philipp Kuster einen deutschen Kunden ködert.

"Guten Morgen, Herr Thiele, und grüezi aus Zürich", trompete Kuster ins Telefon, "was kann ich für Sie tun? Ah ja, auf Empfehlung von Herrn Jochimsen, aber ja, ein jahrelanger guter Kunde bei uns." Natürlich hatte Kuster den Thiele zuerst von seinem Assistenten abchecken lassen, denn er konnte ja nicht seine wertvolle Zeit mit irgendwelchen Möchtegerns verplempern, aber das musste Thiele ja nicht wissen.

René Zeyer, geboren 1955, arbeitete als Journalist und Reporter für diverse Zeitschriften, darunter "Wiener", "Stern", "Geo", "FAZ", "Das Magazin", "Schweizer Illustrierte" und war mehrere Jahre lang Auslandskorrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung". Er ist langjähriger Berater für Kommunikation in der Finanzbranche. Sein Gastbeitrag ist ein Auszug des frisch erschienenen Buchs "Bank, Banker, Bankrott. Storys aus der Welt der Abzocker".
"Steueroptimierung? Aber sicher, da haben wir eine Vielzahl von Modellen, natürlich zugeschnitten auf die individuelle Situation eines Kunden. Dürfte ich mich erkundigen, von welcher Größenordnung wir hier sprechen?" Kuster spitzte seine Lippen zu einem lautlosen Pfeifen. "Ja, das ist natürlich ein ansehnlicher Betrag, hätten Sie denn die ganzen siebzehn Millionen in Cash zur Verfügung?

Ah ja, Sie möchten Ihre Einlagen aus Liechtenstein transferieren. Sehr vernünftig, Herr Thiele, wir wollen ja nichts gegen unsere Kollegen bei der LGT sagen, aber ständig Kundendaten verlieren, das ist natürlich schon etwas suboptimal ... Genau.

Schauen Sie, Herr Thiele, zieht es Sie in nächster Zeit einmal nach Zürich? Wir haben ja im Gegensatz zu Vaduz auch einen Flughafen, nicht wahr? Aber nein, Herr Thiele, da unterschätzen Sie etwas unsere Servicefreundlichkeit, ich lasse Ihnen gerne einen Flug reservieren, aber selbstverständlich, haben Sie Präferenzen, was das Hotel betrifft? Oh, tut mir leid, das Dolder ist leider geschlossen, ja, Umbau. Aber dürfte ich Ihnen den Widder empfehlen, wäre gleich bei uns um die Ecke sozusagen, zwei Schritte, und Sie sind an der Bahnhofstrasse.

Genau, Herr Thiele, mailen Sie mir doch ein paar Terminvorschläge, und wir kümmern uns dann um den Rest. Selbstverständlich, Herr Thiele, Sprüngli gibt es noch, aber sicher, Sie mögen die Truffe du jour? Ja, fabelhaft, was wir Schweizer aus Schokolade machen können, kommt gleich nach Banking. Dann freue ich mich darauf, Sie demnächst persönlich kennenlernen zu dürfen. Ach, und wenn ich Sie noch bitten dürfte, allfällige Unterlagen nur in elektronischer Form mitbringen, Sie wissen ja, der deutsche Fiskus, genau. Nein, Herr Thiele, meine Schweizer Neutralität erlaubt es mir nicht, das zu kommentieren, hehe, aber ich würde Ihnen da nicht widersprechen wollen. Schönen Tag noch!"

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