Mittwoch, 20. Februar 2019

Die Ära der Knappheiten Die geistlose Globalisierung

4. Teil: Eine ökonomische Zeitbombe

Deutschland ist für diesen Wettlauf bislang nicht sonderlich gut gerüstet. Besonders alarmierend: Der Akademikeranteil in den jüngeren Altersgruppen sinkt; im Alter zwischen 25 und 34 Jahren gibt es weniger Hochschulabsolventen als in höheren Altersgruppen – ein bemerkenswerter Rückschritt.

Vancouver: In Kanada, einem der Spitzenreiter in Sachen akademischer Aufrüstung, haben mehr als 54 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen akademischen Abschluss
Und international eine einsame Ausnahme. In Kanada beispielsweise, einem der Spitzenreiter in Sachen akademischer Aufrüstung, haben mehr als 54 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen akademischen Abschluss; in der Generation der 45- bis 54-Jährigen sind es 43 Prozent. Ähnlich das Bild in Japan: Dort gibt es in der jüngeren Altersgruppe 53 Prozent Akademiker gegenüber 38 Prozent in der älteren. In Frankreich? 39 zu 18 Prozent. In Schweden? 37 zu 28 Prozent. In Großbritannien? 35 zu 28 Prozent. Und in Deutschland? 22 Prozent in der jüngeren Altersgruppe gegenüber 26 Prozent in der älteren.

Ein Rückstand, der in krassem Gegensatz zur deutschen Tradition steht. Der Aufstieg der deutschen Industrie in die internationale Topliga am Ende des 19. Jahrhunderts fußte auf intellektuellem Vorsprung: Damals erfanden deutsche Konzerne das systematische Forschen und Entwickeln überhaupt erst. Sie stellten Wissenschaftler ein, um Produktionskapazitäten mit Geist – und das heißt: mit Wert – aufzuladen. Noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Bundesrepublik einen ansehnlichen Bildungsvorsprung gegenüber anderen reichen Ländern, inzwischen liegt sie am unteren Ende der Skala.


Auszug aus:
Henrik Müller: "Die sieben Knappheiten. Wie sie unsere Zukunft bedrohen und was wir ihnen entgegensetzen können."; Campus Verlag GmbH, September 2008, 312 Seiten, 24,90 Euro.
Dies ist kein Luxusproblem, sondern eine fundamentale Schwäche. Kaum eine reiche Gesellschaft altert so schnell wie die deutsche. Allein um bestehende Akademikerstellen im Inland neubesetzen zu können, müsste in den jüngeren Altersgruppen der Anteil an Hochqualifizierten deutlich höher liegen. Ansonsten stehen nicht genug Hochschulabsolventen als Ersatz bereit, wenn die größeren, älteren Jahrgänge in Rente gehen. Eine ökonomische Zeitbombe.

Im 21. Jahrhundert steht die Ökonomie vor einem Paradigmenwechsel. Die Globalisierung und die Integration von Milliarden gering ausgebildeter Menschen in die Weltwirtschaft drücken auf Löhne und Preise. Billig kann künftig jeder. Daraus erwächst ein anschwellender Druck zum geistigen Upgrading. Wer sich dem Wissenswettbewerb nicht stellt, der verliert, verarmt, verkümmert. Das gilt für jeden einzelnen Menschen, für jedes Unternehmen, für jede Gesellschaft. Mehr noch: Wissen allein genügt nicht. Denn Wissen und Information sind praktisch an jedem Ort der Welt zu niedrigen Kosten verfügbar. Entscheidend ist allein, was man daraus macht. Deshalb geht es in diesem Kapitel um "Geist", nicht um "Wissen" oder "Bildung". Standardkenntnisse in Standardsituationen anwenden zu können reicht nicht mehr aus.

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