Samstag, 16. Februar 2019

Die Ära der Knappheiten Die geistlose Globalisierung

3. Teil: Intellektuelle Aufrüstung

Es ist nur so: Fast die gesamte Steigerung des globalen Arbeitsangebots setzt sich aus gering qualifizierten Personen zusammen. Während ihre Zahl zwischen 1980 und 2005 um den Faktor 3,5 stieg, nahm die Zahl von Hochqualifizierten nur um 50 Prozent zu, und zwar vornehmlich in den reichen Ländern. Auch Letzteres ist ein beachtlicher Zuwachs – aber relativ zur reinen menschlichen Arbeitskraft ist das geistige Potenzial der Weltwirtschaft zurückgeblieben.

Muskeln statt Köpfchen: Die globalisierte Ökonomie gleicht einem aufgepumpten Bodybuilder
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Muskeln statt Köpfchen: Die globalisierte Ökonomie gleicht einem aufgepumpten Bodybuilder
Die globalisierte Ökonomie gleicht einem extrem aufgepumpten Bodybuilder: üppige Muskelmasse, aber mit einem geradezu lächerlich kleinen Kopf.

Dass die Newcomer-Nationen sich bislang darauf konzentriert haben, den reichen Volkswirtschaften nachzueifern, ist logisch und verständlich. Zum einen waren es zunächst globale Konzerne aus den reichen Ländern, die die Globalisierung vorantrieben. Sie nutzten und nutzen die gigantischen Lohnunterschiede – chinesische Löhne liegen immer noch bei nur 15 Prozent des US-Niveaus (umgerechnet zu Kaufkraftparitäten) – und ordneten ihre Wertschöpfungsketten neu. Tätigkeiten, die einen hohen Arbeitsaufwand erfordern, wurden in billigere Länder ausgelagert, wo neue Produktionskapazitäten aufgebaut wurden. So kommt es zu einer Ausweitung der Quantität, aber nicht zur Herstellung von qualitativ Neuem.

Zum anderen liegt die Konzentration auf bestehende Produkte im wirtschaftlichen Interesse der Schwellenländer selbst. Wollen sie sich in die Weltwirtschaft integrieren, müssen sie Dinge anbieten, die die großen Importeure der Welt – die reichen Länder – nachfragen. Hätten sie sich von Anfang an auf ganz neue Produkte spezialisiert, wäre ihnen diese Integration nicht gelungen. Internationaler Handel findet traditionell zwischen ähnlichen Gesellschaften statt; wer sich in die Weltwirtschaft integrieren will, muss sich den Verhältnissen anpassen, die auf den internationalen Märkten herrschen. Es war und ist ihre einzige Chance: Sie müssen sich angleichen und dabei ihre Vorteile ausspielen – nämlich ihre niedrigen Löhne.

Die Reservearmee von Arbeitern in den Schwellenländern ist schier unbegrenzt. Weitere Milliarden von Menschen stehen bereit, ihre Arbeitskraft anzubieten und sich in die Weltmärkte zu integrieren. Umso drängender wird der globale Mangel an Geist. Denn sofern all diese Menschen auch noch das Gleiche tun, nur noch billiger als all die anderen, wird der Verfall der Preise und Löhne weitergehen. Keine sonderlich befriedigende Situation – weder für die Beschäftigten, deren Einkommen leiden werden, noch für die Unternehmen, deren Margen schrumpfen.

Um dieser Abwärtsspirale zu entrinnen, verschiebt sich der globale Wettbewerb auf ein anderes Spielfeld: Die Welt rüstet intellektuell auf. Vorne weg die reichen Länder, um der wachsenden Niedriglohnkonkurrenz auszuweichen, aber auch Schwellenländer wie China und Indien.

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