Montag, 18. Februar 2019

Die Ära der Knappheiten Die geistlose Globalisierung

2. Teil: Masse statt Klasse, Geiz statt Geist

Das explosive Wachstum der Produktionskapazitäten sorgt für einen rapiden Verfall der Margen, nicht nur in China, sondern weltweit und bei fast allen Autobauern. Dass die Chinesen nun den Überkapazitäten daheim durch größere eigene Exportanstrengungen entrinnen wollen, dürfte den globalen Margenverfall noch beschleunigen.

Henrik Müller, geschäftsführender Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. Dieser Text ist ein Auszug aus seinem neuen Buch "Die sieben Knappheiten"
Für die Verbraucher weniger sichtbar, aber nicht minder "dramatisch", wie eine Branchenstudie im Auftrag der EU-Kommission konstatiert, ist die Situation auf dem Investitionsgütermarkt: Im Maschinenbau haben chinesische Hersteller so eifrig westliche Konkurrenten nachgeahmt und das Angebot so stark ausgeweitet, dass sie kaum noch Geld verdienen. Längst versuchen sie, in die südostasiatischen Nachbarländer als Absatzmärkte auszuweichen. Weil aber auch dort "der Wettbewerbsdruck" steige, würden chinesische Unternehmen nun verstärkt versuchen, "höher entwickelte Märkte zu erschließen" – also Ausfuhr in den Westen, wo Deutsche und Japaner bislang die Platzhirsche sind. Doch dafür, so die Studie, genüge das Know-how der Chinesen nicht. Mutmaßlicher Ausweg: "weitere Ausbeutung von geistigem Eigentum in ausländischem Besitz". Vulgo: Know-how-Klau.

Kopieren statt innovieren, Masse statt Klasse, Geiz statt Geist – es ist ein eintönig Ding um das globale Wirtschaftsgeschehen.

Die relative globale Knappheit an Geist resultiert aus dem bisherigen Verlauf der weltwirtschaftlichen Integration. Volkswirtschaften mit einem am Westen gemessen exorbitanten Entwicklungsrückstand haben sich in die internationale Arbeitsteilung eingeordnet. Zollschranken wurden eingerissen, Verkehrs- und Kommunikationswege, Geschäfts- und Produktionsbeziehungen aufgebaut. Es begann in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, zunächst ganz langsam, dann immer schneller. Aus Selbstversorger-Nationen wurden exportierende Volkswirtschaften – aus chinesischen Bauern wurden Industriearbeiter, aus indischen Gelegenheitsarbeitern wurden Callcenter-Agents. Ökonomen nennen eine solche Entwicklung "Angebotsschock", eine plötzliche, unvorhergesehene Veränderung der Marktbedingungen. Seit 1980 hat sich das globale Arbeitsangebot nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds vervierfacht. Tendenz: wachsend, und zwar immer schneller.

Zwei Großtrends verstärken sich wechselseitig: Globalisierung und Demografie wirken zusammen; die ökonomische Integration schreitet rasch voran, und die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter wird in vielen Schwellenländern noch auf Jahrzehnte zunehmen. Die demografiebedingte Zunahme des Arbeitsangebots in den Newcomer-Nationen wiederum erhöht den Druck in Richtung einer immer rascheren ökonomischen Integration, weil auch sie am Wohlstand teilhaben wollen.

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