Samstag, 25. Juni 2016

Finanzkrise "Unglaubliche Blauäugigkeit"

Mögen die Wall-Street-Händler aus Gier gehandelt haben - die Schuld an der Finanzmarktkrise tragen andere. Das befindet der Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach. Im Interview erklärt er, welchem Denkfehler Finanz- wie Politikeliten verfallen sind und warum der milliardenschwere Krisenplan der USA nur an den Symptomen kuriert.

mm.de: Herr Hengsbach, die Krise an den Finanzmärkten hat sich dramatisch beschleunigt. Beobachter sprechen von Schockwellen, von Beben, gar vom Zusammenbruch. Was erleben wir da gerade?

Der Jesuit  Friedhelm Hengsbach  (71) hat Philosophie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er war langjähriger Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts in Frankfurt am Main und lehrt Sozial- und Wirtschaftsethik. Hengsbach hat sich profiliert als einer, der mit Büchern wie "Das Reformspektakel" wirtschaftlichen Sachverstand mit der katholischen Soziallehre zu verbinden sucht.
obs / Novartis
Der Jesuit Friedhelm Hengsbach (71) hat Philosophie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er war langjähriger Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts in Frankfurt am Main und lehrt Sozial- und Wirtschaftsethik. Hengsbach hat sich profiliert als einer, der mit Büchern wie "Das Reformspektakel" wirtschaftlichen Sachverstand mit der katholischen Soziallehre zu verbinden sucht.
Hengsbach: Was an den Finanzmärkten geschieht, hat es in dieser Dramatik seit 35 Jahren nicht gegeben. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit sind Misskalkulationen einzelner Institute auf das gesamte Finanzsystem übergesprungen, und nun - damit müssen wir rechnen - erreichen die Folgen bald die Realwirtschaft. Das wird den Wohlstand breiter Bevölkerungskreise beeinträchtigen, und zwar sehr deutlich.

Außerdem ist damit eine Vorentscheidung im Wettbewerb zweier Finanzmarktstile gefallen: Einerseits der angelsächsische, der stark vom Aktien- und Derivatehandel getrieben ist, sich am kurzfristigen Shareholder Value orientiert und an hohen Risiken berauscht; andererseits der kontinentaleuropäische Stil, der stärker bankenorientiert ist, auf die Einlagen vieler privater Kunden zurückgreift und mit den Unternehmen personell verflochten ist. Da lautet der Stand: 1 : 0 für die klassischen Universalbanken.

mm.de: Vordergründig ist das Entstehen der Krise leicht nachzuvollziehen: Da wurden unsichere Kredite so verpackt, dass ihr Risiko nicht mehr zu erkennen war und massenweise weiterverkauft; so ist eine Blase entstanden, die nun geplatzt ist. Was aber ist der Hintergrund dieser Entwicklung?

Hengsbach: Gerade die kurze Nachzeichnung verdeutlicht, dass private Institutionen das Potenzial haben, Geschäftsrisiken nicht nur innerhalb des Finanzsystems zu verlagern, sondern auch die Realwirtschaft damit zu infizieren. Da stellt sich die Frage: Welche Rolle hat das Bankensystem als Ganzes? Ist es schlicht die Summe einzelner Geschäftsbanken und Investmentgesellschaften? Oder haben sie auch eine öffentliche Aufgabe? Nämlich die, zusammen mit den Zentralbanken die Geldversorgung und die Geldwertstabilität zu sichern und Wohlstand für alle zu sichern.

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