Montag, 17. Dezember 2018

Kolumne Der Schweinezyklus

Trotz der schwächeren Konjunktur - noch immer quellen bei vielen Unternehmen die Orderbücher über, noch immer sind Ingenieure knapp. Warum haben es die Manager in den vergangenen 50 Jahren nicht gelernt, dass man in schlechten Zeiten für die guten Jahre Vorsorge treffen muss?

München - Ein Schweinezyklus liegt vor, wenn viel Schwein angeboten wird, das niemand will nach einer Zeit, in der viel Schwein nachgefragt, aber kein Schwein angeboten wurde. Dieses ökonomische Phänomen und seine Wirkungsweise sind seit Jahrhunderten bekannt - und so aktuell wie nie. Denn trotz erster Konjunkturschwächen werden viele deutsche Firmen, große wie kleine, im Augenblick von der Nachfrage überrannt - aber sie können gar nicht liefern.

Volle Auftragsbücher: Der Schiffbau sucht Ingenieure, aber zu wenige entsprechen den Anforderungen
Ein bekannter deutscher Motorenhersteller verweist Kunden auf Lieferfristen jenseits der Marke von drei Jahren. Ein Pumpenhersteller lehnt Sonderentwicklungen ab, weil die Experten des Hauses auf Monate hinaus ausgebucht sind.

Im deutschen Schiffbau quellen die Orderbücher über, doch die Leute in den Docks werden Mangelware. 700 Ingenieure mindestens werden in den kommenden Jahren jährlich gebraucht, aber es gibt nur 70 den Anforderungen entsprechende Absolventen pro Jahr.

Bei MAN Börsen-Chart zeigen rücken sie dem Schweinezyklus mit viel Geld zu Leibe. 150 Millionen Euro werden im ersten Schritt in den Ausbau der Produktionsstätten investiert. Die Durchlaufzeit für einen Motor soll von 30 auf zehn Tage gesenkt werden, und die Stückzahlen sollen dabei erst verdoppelt und dann verdreifacht werden. Das ist doch toll. Oder nicht?

 Horst Wildemann ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung TCW und Professor für Unternehmensführung und Logistik an der Technischen Universität München
Falk Heller
Horst Wildemann ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung TCW und Professor für Unternehmensführung und Logistik an der Technischen Universität München
Wäre es, wenn da nicht eine Frage beunruhigend aktuell wäre: Warum sind die Weichen nicht schon in der Zeit gestellt worden, als die Aufträge nur tröpfelten? Man hätte in aller Ruhe, statt jetzt in aller Hektik, das Problem angehen können.

Warum haben es die Unternehmer in den vergangenen 50 Jahren nicht gelernt, dass man in schlechten Zeiten für die guten Jahre Vorsorge treffen muss? Jetzt hat man sprichwörtlich alle Hände voll mit der Produktion zu tun und muss mit denselben auch noch optimieren, was das Zeug hält.

Das kann Desaster bescheren. Unter Druck ist das Fehlerrisiko einfach viel höher als in ruhigen Zeiten. Natürlich sagt jetzt jeder Betroffene, das habe doch mit dem Schweinezyklus nichts zu tun. Es handele sich vielmehr um ein einzigartiges Phänomen, das es früher überhaupt nicht gegeben habe.

Die Globalisierung, die wirtschaftliche Explosion in China und Indien gleichzeitig und das Wiedererstarken der europäischen Konjunktur obendrauf, das sei über die Hersteller wie ein Tsunami gekommen. Und dagegen ist man bekanntlich machtlos.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH