Montag, 10. Dezember 2018

Historie Wie die heutige MAN entstand

6. Teil: Der Schlussstein des Konzern-Umbaus

Die Tradition von Turbo- und Antriebsmaschinen reicht in Sterkrade weit zurück. Die erste GHH-Dampfturbine mit 2000 PS Leistung wurde 1904, der erste Turboverdichter im darauf folgenden Jahr produziert. Zahlreiche Innovationen und Entwicklungssprünge auf diesem ingenieur- und fertigungstechnisch sehr anspruchsvollen Gebiet gingen von der GHH aus. Seit den fünfziger Jahren bildeten Turbomaschinen, die von GHH-Sterkrade für die verschiedensten Anwendungen konstruiert und gefertigt wurden, einen immer wichtigeren Produktionszweig. Sie kamen und kommen weiterhin unter anderem in chemischen Anlagen, bei der Düngemittelherstellung, in Gaspipelines, in der Ölund Gasindustrie, der Grundstoffindustrie und bei der Stromerzeugung zum Einsatz.22 GHH Sterkrade verfügt in diesem Bereich über eine der umfangreichsten Produktpaletten der Welt.

 Johannes Bähr ist promovierter Wirtschaftshistoriker und Autor der Jubiläumschronik "Die MAN. Eine deutsche Unternehmensgeschichte"
Simon Katzer / MAN
Johannes Bähr ist promovierter Wirtschaftshistoriker und Autor der Jubiläumschronik "Die MAN. Eine deutsche Unternehmensgeschichte"
GHH-Sterkrade leistete Ende der sechziger Jahre mithin einen gewichtigen Beitrag zum Gesamtumsatz des GHH-Konzerns. Ihre Maschinenbau-Produkte waren ingenieur- und fertigungstechnisch sehr anspruchsvoll und auf dem Weltmarkt gut positioniert. Immer wieder kamen technologische Innovationen aus den Entwicklungsbüros des Unternehmens, und mit der Komponentenfertigung für Kernkraftwerke schien man über eine zusätzliche Zukunftstechnologie zu verfügen.

Dennoch sah die Konzernführung diesen Unternehmensteil nicht mehr angemessen in die Gesamt-GHH eingebunden. So hatte Vorstandschef von Menges gewisse Zweifel, ob die GHH-Sterkrade AG die anstehenden Investitionsleistungen, u. a. im konventionellen und nuklearen Kraftwerksgeschäft, allein würde aufbringen können. Zudem hatte es bei internationalen Wettbewerben Zusammenschlüsse gegeben, die wachsenden technologischen und wirtschaftlichen Konkurrenzdruck erwarten ließen. Da sich zudem zwischen GHH-Sterkrade und dem anderen Maschinenbau-Bereich der GHH - der MAN - eine Reihe von Überschneidungen ergaben, lag es für von Menges nahe, beide Teilunternehmen zusammenzuführen, um im Maschinenbau als dem "Kernbereich des GHH-Konzerns zu festen und klaren Organisationsformen zu kommen." Zugleich sollten diese "elastisch genug [sein], die gewachsene Bedeutung der GHH-Sterkrade und der MAN zu sichern und zu erhalten".23 Im Klartext hieß das, dass der Bereich Maschinenbau innerhalb der GHH durch diesen Zusammenschluss weiter aufgewertet werden sollte. Die Verbindung erfolgte in der Weise, dass die GHH Sterkrade AG zum 30. Juni 1969 durch Aktientausch der MAN AG mit dem Aktienverein Teil der MAN AG wurde.

MAN übernahm rund 99 Prozent der GHH-Sterkrade-Aktien und schloss mit dem Unternehmen einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag. Dieses Verfahren hatte u. a. den Vorteil, dass das Oberhausener Unternehmen seine Produkte weiter unter dem eingeführten Namen "GHH" vertreiben konnte.24 Mit der Übernahme von GHH Sterkrade durch die MAN waren auch personelle Veränderungen an der Spitze der beteiligten Unternehmen verbunden.

Von Menges übergab den Vorstandsvorsitz bei der Gutehoffnungshütte Sterkrade AG, den er 1966 zugleich mit der Führungsposition im Gesamtkonzern (GHH Aktienverein) übernommen hatte, an Hans Fischer. Bei der MAN zog sich Ulrich Neumann nach mehr als zehn Jahren aus dem Vorstand zurück. Zu seinem Nachfolger als Vorstandsvorsitzender der MAN AG in Augsburg - die dabei war, sich immer mehr zum Kernbereich des gesamten Konzerns zu entwickeln - wurde Karl Schott bestellt. In Oberhausen rückte Manfred Lennings als Leiter der Abteilung Planung und Investitionen in den dreiköpfigen Vorstand der Konzernzentrale GHH Aktienverein auf.

Von den Mitarbeitern der traditionsreichen GHH Sterkrade konnten sich einige nur langsam daran gewöhnen, künftig lediglich ein Bereich unter vielen innerhalb der MAN zu sein.25 Emotionen spielen eben auch in Großbetrieben eine Rolle, zumal in einem mit der Stellung und Tradition der Gutehoffnungshütte Sterkrade AG.

1980 wurde der Standort Sterkrade unter der Bezeichnung "Unternehmensbereich Sterkrade" (Just) voll in die MAN eingegliedert. In einem Brief an die Belegschaft von GHH Sterkrade betonte von Menges, dass die Übertragung von Sterkrade auf die MAN einzig und allein dazu diene, "im Interesse einer ... dynamischen Entwicklung das technische Potential [zu stärken] und damit auch zur nachhaltigen Sicherung der Arbeitsplätze" beizutragen.26 Letztgenanntes Ziel konnte jedoch in den folgenden Jahren nicht für alle Standorte der früheren GHH Sterkrade AG, nun Tochter von MAN, erreicht werden. So wurde Mitte der siebziger Jahre der Standort Düsseldorf, der unter anderem Hackzerkleinerungsmaschinen und Anlagen für die Zucker- und Zementindustrie herstellte, geschlossen. Anfang der achtziger Jahre folgte das Werk Blexen an der Unterweser, in dem Schwimmdocks gebaut wurden. Auch die Rheinwerft Walsum wurde geschlossen.

Die Verbindung von GHH Sterkrade und MAN setzte quasi den Schlussstein in den Konzern-Umbau seit Ende der sechziger Jahre. 1971 zog von Menges auf der Hauptversammlung des GHH Aktienvereins eine positive Bilanz. Es sei die "Zusammenfassung sich ergänzender Produktionsprogramme in...international wettbewerbsfähige Einheiten [gelungen], dabei Erhalt des Risikoausgleichs zwischen den Gruppen, ... Konzentration der Mittel für Forschung und Entwicklung [u. a. durch Gründung von MAN Technologie, d. Verf.]; Vermeidung von Doppelinvestitionen; Erweiterung der Rationalisierungsmöglichkeiten. "27 Nach Ansicht des damaligen Vorstandsvorsitzenden hatte der Konzern aufgrund dieser Veränderungen geradezu einen Sprung nach vorn getan: "Die Umorganisation des GHH-Konzerns begann sich angesichts einer sich bessernden Konjunktur rasch und fühlbar in steigenden Umsätzen auszuwirken. Mit der ... Zusammenführung von Maschinenbau, Nutzfahrzeugbau und Werften zu großen Einheiten stieg die GHH international in eine neue Kategorie auf. Wir hatten es plötzlich mit Partnern ganz anderer Dimensionen zu tun."28

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