Mittwoch, 24. August 2016

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Steuerskandal Warum sich die Eliten dem Staat verweigern

Sie lernen es schon in Kindertagen: Reiche Steuerbetrüger entziehen sich dem Staat um jeden Preis, selbst wenn sie sich damit selbst schaden. Elitenforscher Michael Hartmann analysiert die Motivation von Zumwinkel und Co., fordert öffentliche Steuererklärungen und prophezeit der Linken langfristige Parlamentsmehrheiten.

mm.de: Herr Hartmann, Sie haben über Jahrzehnte hinweg die Lebensläufe und Einstellungen von Angestellten und Entscheidern untersucht. Wie kommt ein unbescholtener Manager wie Klaus Zumwinkel dazu - und mit ihm viele andere Wohlhabende -, in diesem Ausmaß Steuern zu hinterziehen?

Michael Hartmann ist seit 1999 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Zu seinen Schwerpunkten gehören Eliteforschung und Managementsoziologie. Mit umfangreichen Studien hat er unter anderem den familiären Hintergrund der Chefetagen in deutschen Großunternehmen erforscht. Er kam zu dem Ergebnis, dass für den Aufstieg in Toppositionen nichts so wichtig ist wie die Herkunft - auch Leistung und Intelligenz nicht.
Hartmann: Das entsteht aus einer Haltung, die sich über Generationen entwickelt hat. In den Chefetagen der Wirtschaft, gerade auch im Mittelstand, herrscht die Meinung vor, dass der Staat Unternehmertum systematisch behindert und hart erarbeitetes Eigentum durch seine Steuern raubt - das könne man sich nicht einfach gefallen lassen. Ganz selbstverständlich wird deshalb gegen gesetzliche Regeln verstoßen.

Der Fall Zumwinkel ist ja nicht der erste Beleg für dieses Phänomen. Denken Sie nur an die Durchsuchungsaktionen im Zusammenhang mit illegal nach Luxemburg transferierten Geldern oder die Batliner-Affäre in den neunziger Jahren. Die damals erwischten Leute sehen bis heute nicht ein, dass Sie Unrecht begangen haben könnten.

mm.de: Wie kann es sein, dass so gebildeten Menschen die Maßstäbe fehlen?

Hartmann: Sie bekommen das von Kindesbeinen an vermittelt. Schon wer in einer Familie von Selbstständigen aufwächst, kann an seinen Eltern beobachten, wie die kreative Vermischung von Geschäft und Privatem systematisch genutzt wird, um Steuern zu sparen.

mm.de: Was heißt das konkret?

Hartmann: Ein Beispiel: Wenn sich ein niedergelassener Arzt ein Gemälde fürs Wohnzimmer kauft, wird das fast grundsätzlich als Wartezimmerdekoration abgerechnet und von der Steuer abgesetzt.

mm.de: Das erklärt schon Zumwinkel und Co.?

Hartmann: Ja, weil es Ausdruck einer Haltung ist. Diese Haltung lautet: Dem Staat muss so viel wie möglich vorenthalten werden. Sie zieht sich durch alle Bereiche und nimmt zum Teil irrationale Züge an. Ich erinnere an die Investitionsruinen in den neuen Bundesländern, kurz nach der deutschen Einheit. Dort wurde auf Teufel-komm-heraus in Immobilien investiert, bloß um die Abschreibungen mitzunehmen. In vielen Fällen kommen die Investitionen nie wieder rein. Unterm Strich wäre es oft geschickter gewesen, Steuern zu zahlen.

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