Sonntag, 25. September 2016

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Superkapitalismus "Moral ist ein Produktionsfaktor"

Steuerrazzien, Finanzkrise, Korruption: Wenn Manager und Politiker so weitermachen, gerät unsere Gesellschaft aus den Fugen, fürchtet Ingo Pies. Der Wirtschaftsethiker sagt, welche Lehren wir aus der aktuellen Krise des Turbokapitalismus ziehen sollten, wieso Manager eine andere Ausbildung brauchen – und warum es gut ist, wenn wir wieder die Systemfrage stellen.

mm.de: Herr Professor Pies, erst die Korruptionsaffäre bei Siemens, dann die Kreditkrise, dann die Debatte über das Nokia-Werk in Bochum, dann die Zumwinkel-Liechtenstein-Affäre - es scheint, als sei die global agierende Topmanagerelite auf Crash-Kurs zum Rest der Gesellschaft. Beunruhigend, oder?

Ingo Pies ist Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale
Pies: Die Zuspitzung ist in der Tat explosiv. Unternehmen müssen mehr in ihre Glaubwürdigkeit investieren. Sonst erodiert nicht nur das Vertrauen in Unternehmen, sondern auch das Vertrauen in die Marktwirtschaft als System. Die empirischen Daten hierzu sind besorgniserregend.

mm.de: In unserer aktuellen Titelgeschichte der Printausgabe des manager magazins, Heft 03/2008, stellen wir die Frage: "Gefährdet der Superkapitalismus die Demokratie?" Wie beantworten Sie die Frage?

Pies: Wenn wir so weitermachen, dann geraten Demokratie und Marktwirtschaft gemeinsam in eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale.

mm.de: Sie haben eben gesagt, Unternehmen müssten in Glaubwürdigkeit investieren. So etwas kostet Geld. Viele Unternehmen glauben, sie könnten sich das nicht leisten.

Mehr zum Thema in:
manager magazin 03/2008

Superkapitalismus

Das Vertrauen schwindet - in die Marktwirtschaft, die Politik, in die Zukunft. Das Ergebnis: eine globale Krise der Demokratie. Lesen Sie mehr im manager magazin 03/2008 ab Seite 112.

Inhalt
Pies: Das Bemühen um Glaubwürdigkeit ist kein Selbstzweck, sondern eine Investition mit Rendite. Moral ist ein Produktionsfaktor. Richtig eingesetzt, sind moralische Bindungen von zentraler Bedeutung für jede Art von Wertschöpfung. Für eine produktive Zusammenarbeit benötigt man das Vertrauen der Interaktionspartner. Ohne ein solches Vertrauen wird es im Geschäftsleben schwierig.

mm.de: Wie soll eine solche Theorie praktisch werden? Wie stellen Sie sich die Umsetzung vor?

Pies: Das fängt bei der Ausbildung an. Traditionell lernen BWL-Studenten an der Uni vornehmlich eines: zu optimieren - innerhalb eines gegebenen Rahmens die quantitativ besten Ergebnisse zu erzielen. Das genügt aber heute nicht mehr. Führungskräfte müssen zusätzlich lernen, den Rahmen zu gestalten. Die traditionelle Kompetenzvermittlung muss also ergänzt werden. Strategisches Management ist als Beziehungsmanagement aufzufassen: Es geht um moralische Bindungen, mit denen ein Unternehmen den für die Wertschöpfung wichtigen Partnern glaubwürdig signalisiert, dass es deren Vertrauen verdient.

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