Montag, 10. Dezember 2018

Umzug nach Rumänien Rechnet Nokia falsch?

3. Teil: Nokias Probleme in Rumänien (II)

Zulieferer: Ganz besonders schwierig wird es für die Zulieferer werden. Nokia selbst hat für die Verlagerung das Argument ins Feld geführt, dass es in Bochum nicht genügend Zulieferer gebe. Viele von ihnen seien bereits in Niedriglohnländer abgewandert. Auf welche Zulieferer kann Nokia denn jetzt schon in Cluj und der Umgebung zurückgreifen? Bisher auf keine.

Staunende Arbeiter: Die Planungen zum Bau der Handyfabrik in Rumänien sind weit fortgeschritten.
Nach Aussagen des Bürgermeisters von Cluj erwartet die Stadt gerade hier die größten Investitionen und Beschäftigungseffekte. Zu den 3000 bis 4000 Arbeitplätzen bei Nokia sollen demnach noch einmal 10.000 Arbeitsplätze bei den Zulieferern hinzukommen. Auch dies wird den Wettbewerb um die Arbeitskräfte verschärfen.

Die Vergünstigungen, die Nokia möglicherweise bei dem Grundstückserwerb eingeräumt wurden, gibt es für die Zulieferer nicht. Im Gegenteil, die Zulieferer müssen wie so oft die Zeche zahlen. Wie das Beispiel von Renualt/Dacia zeigt, spekulieren die Grundstücksbesitzer auf hohe Verkaufserlöse. Eine Ansiedlung wird deshalb extrem teuer werden. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Zulieferer nicht in gewünschtem Maße ansiedeln werden. Das Thema Logistik wird für Nokia in Cluj dann hinsichtlich der Materialversorgung eine besondere Herausforderung mit zusätzlichen Kosten.

Anlaufkosten Cluj: Allein für den Aufbau der vollständigen Kapazität und das Anlernen der Kräfte wird Nokia einen Zeitraum von zwei Jahren benötigen. In dieser Zeit werden aufgrund der geringen Produktivität die Kosten deutlich höher sein als in Bochum. Die Werke werden zeitweise ohnehin parallel laufen.

Sozialplan und Stilllegungskosten: Der Abbau von rund 2000 Beschäftigten in Deutschland wird für Nokia mit erheblichen Sozialplankosten verbunden sein. Es besteht zudem die Gefahr eines Streiks wie die Gewerkschaft mitteilte.

Projektentwicklungskosten und Investitionen: Nokia investiert nach eigenen Angaben in den neuen Standort etwa 60 Millionen Euro. Investitionen in dieser Größenordung wären in Bochum nicht nötig gewesen. Die zusätzlich entstehenden Abschreibungen zehren den Lohnkostenvorteil stark auf.

Zusätzliche Abgaben: Auf den ersten Blick scheint der in Rumänien herrschende geringe Gewerbesteuersatz von 16 Prozent verlockend. In der Praxis kommen aber erhebliche Zusatzbelastungen wie zum Beispiel die Immobiliensteuer hinzu - egal, was Nokia versprochen wurde. Herr Nicoara, Landrat in Cluj, hat schon jetzt in den Medien mitgeteilt, wie viel Steuern er von Nokia erwartet: nämlich etwa 500 Millionen Euro in fünf Jahren. Diese Werte werden in Bochum nur Kopfschütteln hervorrufen.

Für Nokia wird die Auseinandersetzung mit den postkommunistischen, rumänischen Behörden eine Erfahrung der besonderen Art sein. Nicht wenige deutsche Unternehmen sind gerade wegen der Behördenwillkür aus Rumänien zurückgekehrt. Die Manager von Nokia werden die Kreativität der rumänischen Behörden bei der Erhebung von Sondersteuern und Strafen erleben und sich noch über das hohe Maß von offensichtlicher Korruption in Europa wundern.

Imageeffekte: Der Ruf von Nokia ist in Deutschland durch die Entscheidung belastet. Ob sich dies tatsächlich wirtschaftlich auswirkt, bleibt fraglich. So groß die Empörung auch sein mag, sie hält erfahrungsgemäß nicht lange an. Zu einem Konsumentenboykott wie in den USA häufiger zu beobachten, wird es in Deutschland wohl nicht kommen.

Alles nur eine eitle Entscheidung einzelner Manager?

Bei den bestehenden wirtschaftlichen Risiken stellt sich gleichwohl die Frage, warum Nokia so ein Wagnis überhaupt eingeht. Oft wird vergessen, dass es am Ende nicht die Entscheidung einer Organisation, sondern einzelner Personen bei Nokia ist. In Konzernstrukturen entscheiden Manager eben nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Oft spielen interne politische und persönliche Motive eine wichtige Rolle. Die Veränderung von Strukturen hat schon manchen Manager nach oben befördert.

Noch interessanter als die wirtschaftliche Planung von Nokia, die zu dieser Entscheidung geführt hat, dürfte eine Nachkalkulation sein. Die kann man zwar erst in drei bis vier Jahren anstellen. Continental ist aber schon so weit. Hier hat es jedenfalls dazu geführt, dass das verantwortliche Management komplett ausgetauscht wurde.

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