Sonntag, 4. Dezember 2016

Umzug nach Rumänien Rechnet Nokia falsch?

2. Teil: Nokias Probleme in Rumänien (I)

Der Arbeitskräftemangel ist das offensichtlichste, aber nicht einzige Problem, auf das Nokia in Rumänien treffen wird. Die Schwierigkeiten für einen Investor liegen wie so oft im Detail. Meistens werden bei einem Vergleich von Standorten zwischen Deutschland und Billiglohnländern wichtige Faktoren vergessen. Bei der Bewertung der Standorte Bochum und Cluj sollte Nokia Folgendes berücksichtigen:

Produktivitätsunterschiede: Rumänische Mitarbeiter erreichen nicht die Produktivität deutscher Facharbeiter. Hierfür gibt es viele Gründe. Fehlende Qualifikationen, Mentalitätsunterschiede, schlechtere persönliche Lebensbedingungen usw. Nokia plant, für die in Deutschland abzubauenden 2000 Arbeitsplätze in Rumänien 3000 bis 4000 neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Nokia wird Probleme bekommen: Johannes Book ist Chef der Dricon Managing Consultants AG. Er beschäftigt sich seit Anfang der 90er Jahre mit dem Thema Standortaufbau in Osteuropa. Dricon stammt aus der Dresdner-Bank-Gruppe und unterstützt als spezialisierte Beratungsgesellschaft Firmen bei ihren strategischen Investitionsentscheidungen.

Seit den 90er Jahren hat das Beraterteam mehr als 500 Unternehmen bei ihrer Verlagerung nach Mittel- und Osteuropa begleitet. Davon wurden allein 50 Projekte in Rumänien realisiert. Dricon ist in Polen, Russland, Rumänien, Bulgarien, China, Südafrika und Dubai vertreten.
Erhöhte Personalkosten: Es wird in Cluj eine hohe Fluktuation geben. Erfahrungsgemäß verbleibt von vier eingestellten Beschäftigen nach zwei Jahren nur ein Mitarbeiter im Unternehmen. Dies führt zu erheblich höheren Personalkosten, als der niedrige Monatslohn suggeriert. Die Löhne werden zudem in Rumänien in den nächsten Jahren deutlich stärker steigen als in Deutschland. Experten prognostizieren jährliche Lohnsteigerungen von 30 bis 40 Prozent für Fachkräfte in den nächsten fünf Jahren.

Zusätzliche Transportkosten:Der Fabrikstandort von Nokia Börsen-Chart zeigen selbst liegt in dem Dorf Jucu Sieben, 20 Kilometer von Cluj, dem früheren Klausenburg entfernt. Das Dorf hat 4200 Einwohner. 20 Kilometer zu pendeln, ist für gering verdienende Rumänen nicht ohne Weiteres möglich. Also wird Nokia mit eigenen Bussen die Mitarbeiter aus dem Umland ankarren müssen.

Höherer Krankenstand: Wenn in der Erntezeit der Krankenstand auf 20 Prozent hochschnellt, wird auch die strategische Planungsabteilung bei Nokia in Finnland sehen: Hier herrschen andere Standortbedingungen als in Bochum. In dem ländlich geprägten Raum ist es üblich, dass die Familien im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft betreiben.

Einsatz internationaler Führungskräfte: Es gibt in Rumänien bis heute kein Unternehmen, das mit einer technologisch anspruchsvollen Produktion und in einer vergleichbaren Größenordung ohne den massiven Einsatz westlicher Führungskräfte auskommt. So sind bei Dacia, einer Tochter von Renault, zeitweise bis zu 60 internationale Fachkräfte im Einsatz und die Werke von Continental stehen immer noch unter deutscher Leitung.

Zusätzliche Transportkosten: Der Standort Cluj ist bis heute nur umständlich über Landstraßen zu erreichen. Es soll zwar eine Autobahn gebaut werden. Diese wird aber frühestens in fünf Jahren fertig sein. Solange sind die fertigen Handys per Luftfracht oder über die Landstraße zu transportieren. Logistisch ist der Standort Cluj mit hohen Zusatzkosten verbunden.

Höhere Abschreibungen: Erfahrungsgemäß leiden Maschinen und technische Einrichtungen ganz besonders in Rumänien. Durch fehlerhafte Bedienung und mangelnde Sorgfalt ist der Verschleiß deutlich höher als in Deutschland. Ein Richtwert für die zusätzlichen Maschinenkosten liegt bei einer technologisch anspruchsvollen Produktion bei etwa 5 bis 7 Prozent.

Mehraufwand für Sicherheit: In Rumänien besteht eine hohe Diebstahlgefahr. Aus den Zeiten des Sozialismus stammt die Einstellung, man besorgt sich im Betrieb, was es im Handel nicht gibt. Auch das geringe Privatvermögen veranlasst häufig Arbeitnehmer, sich zu bereichern.

Die Bauteile und Handys selbst sind ebenso wie die Werkzeuge von hohem Wert. Nokia wird in Rumänien erhebliche höhere Anstrengung zur Sicherung unternehmen müssen als in Bochum. Einige Investoren haben sogar die Erfahrung von Schutzgelderpressungen gemacht. Aufgrund der Größe und politischen Aufmerksamkeit, die dem Projekt zuteil wird, mag dieser Kelch an Nokia vorübergehen.

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