Samstag, 17. November 2018

Einkommen "Real bleibt nichts übrig"

Zwei Studien zeichnen ein besorgniserregendes Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse in der deutschen Gesellschaft. Tenor: Die reale Armut nimmt hierzulande weiter zu - und betroffen sind vor allem die Kinder.

Berlin - Die Deutschen können sich trotz steigender Einkommen einer Studie zufolge weniger leisten. Zwar seien Löhne und Gehälter im Osten um 2,1 Prozent und um Westen um 2,3 Prozent gestiegen, teilte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung am Donnerstag in Berlin mit. Doch die hohe Teuerungsrate zehre den Zuwachs mehr als auf.

Einkommensschere, Klinge 1: In der Wirtschaft - vor allem der Finanzszene - wird viel Geld verdient
"Real bleibt nichts übrig", sagte Einkommensexperte des WSI, Claus Schäfer. Die Nettolohnquote, also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, sei im ersten Halbjahr 2007 auf 38,8 Prozent, nach 40,5 Prozent im Jahr 2006 gesunken. Dies sei der niedrigste Wert seit 1960.

Die Einkommen aus Unternehmen und Vermögen haben Schäfer zufolge dagegen in der ersten Jahreshälfte um über neun Prozent zugelegt. Die einer vergleichsweise geringen Zahl von Bürgern zukommenden Einnahmen machen danach gut ein Drittel des privat verfügbaren Volkseinkommens aus. Die vielen neu geschaffenen Jobs haben nach Berechnungen des WSI nicht zu einer Verringerung der Einkommensunterschiede geführt.

"Trotz Aufschwungs steigt die Armut"

Mehr als die Hälfte der Stellen seien prekäre Beschäftigungsverhältnisse, zum Beispiel Zeitarbeit, Minijobs oder schlecht bezahlte Arbeiten. Das sinkende Lohnniveau habe Folgen. "Wir müssen trotz Aufschwung einen weiteren Anstieg der Armut verzeichnen", erläuterte Schäfer. Das WSI geht davon aus, dass ein Fünftel der Bevölkerung als einkommensarm gelten muss.

Als arm gilt laut EU-Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens nach Hause bringt. Die Politik nimmt das Problem nach Ansicht des Forschers nicht ernst genug. Durch fehlende Bildung bei den Kindern der Betroffenen gehe der Volkswirtschaft beispielsweise langfristiges Produktionspotenzial und Wettbewerbsfähigkeit verloren: "Wir müssen mehr Geld in die Hand nehmen", forderte Schäfer höhere Ausgaben für Schulen und Hochschulen.

Höhere Arbeitnehmereinkommen würden darüber hinaus die Binnennachfrage stärken. Das WSI fordere daher einen allgemeingültigen gesetzlichen Mindestlohn von 8,10 Euro in der Stunde sowie höhere Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger. Der Satz müsse wenigstens auf 420 Euro im Monat steigen. Derzeit erhalten die Betroffenen für den Lebensunterhalt knapp 350 Euro.

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