Sonntag, 16. Dezember 2018

Kommentar Der Finanzvorstand und die Moral

2. Teil: Pikanter Zeitpunkt der letzten Order von Thomas Eichelmann

Nun sorgt ein zweiter Fall auffällig erscheinender Aktienkäufe bei der Deutschen Börse und in der Frankfurter Finanzwelt für Unruhe. Der seit dem 1. Juli neu amtierende Finanzvorstand Thomas Eichelmann, zuvor Partner bei Roland Berger, fiel im Hause nicht nur wegen Ausdehnung der Dienstwagenordnung auf das Modell Porsche (zuvor waren nur Mercedes, Audi und VW erlaubt) auf, sondern auch durch seine Vorliebe für die Aktie der Deutschen Börse.Siebenmal orderte Eichelmann bisher kleine Tranchen Aktien oder Zertifikate (jeweils 1000 bis 3000 Stück) über seine Hausbank – eigentlich nichts Verwerfliches, sondern im Gegenteil gerade bei angelsächsischen Investoren gern gesehen.

Die Käufe des Finanzvorstands/ Quelle: www.deutsche-boerse.de
Die Käufe des Finanzvorstands/ Quelle: www.deutsche-boerse.de

Doch vor allem der Zeitpunkt der letzten Order, der 10. September 2007, ist pikant und gibt der Aufsichtsbehörde BaFin zu denken. An diesem Tag, einem Montag, orderte Eichelmann noch einmal 1000 Deutsche-Börse-Aktien zum Kurs von 76,88 Euro. Das Timing war perfekt. Denn am 17. September – also ganze sieben Tage später – verkündete Eichelmann zusammen mit seinem Vorstandsvorsitzenden Reto Francioni ein umfangreiches Kosteneffizienz- und Aktienrückkaufprogramm – also Maßnahmen die institutionelle Investoren lieben und der Aktie gewöhnlich Flügel verleihen. Kein Wunder, dass die Aktie der Deutschen Börse seit Mitte September von etwa 77 Euro auf momentan über 100 Euro geklettert ist.

Thomas Eichelmann: Der neue Finanzvorstand hat sein Haus ohne Not ins Gerede gebracht.
Ein verbotenes Insidergeschäft? Die BaFin schaue sich den Aktienhandel und insbesondere den Kauf von Herrn Eichelmann im Vorfeld der Ad-hoc-Mitteilung intensiv an, sagt eine Sprecherin der Aufsichtsbehörde gegenüber manager-magazin.de. Es sei allerdings noch nicht entschieden, ob dieser Fall an die Staatsanwaltschaft gegeben werde.

Eichelmann und sein Arbeitgeber hingegen können die Aufregung um die Aktienkäufe nicht nachvollziehen. Alle Käufe seien im Einklang mit den geltenden Regeln getätigt und von der hausinternen Compliance überprüft worden, heißt es. Zudem sei am 10. September noch nicht entschieden gewesen, dass das Restrukturierungsprogramm eine Woche später per Ad-hoc-Meldung veröffentlicht werde.

Dass sein Arbeitgeber an einem Programm zur Kostensenkung arbeitet, musste der Finanzvorstand allerdings wissen – er selbst hat es maßgeblich entwickelt. Schon als Berater bei Roland Berger hatte Eichelmann die Deutsche Börse AG als Kunden, und nicht wenige Beobachter meinen, dies sei der Grund, warum Eichelmann den Job als Finanzvorstand erhalten habe.

Auffallend ist zudem, dass das Handelsfenster um den 17. September geöffnet blieb. Den Beschäftigten der Deutschen Börse war es folglich nicht explizit untersagt, in dieser Zeit Wertpapiere des eigenen Hauses zu kaufen. Dabei sind die Compliance-Regeln, die sich die Frankfurter Börsianer gegeben haben, eindeutig formuliert: "Zu einer verantwortungsvollen Unternehmensführung gehört es, allen Mitarbeitern bewusst zu machen, dass der Zugang zu sensiblen und vertraulichen Informationen – über die Deutsche Börse AG ebenso wie über andere Emittenten – Verpflichtungen mit sich bringt. Insidergeschäfte beispielsweise sind in Deutschland unter Strafe gestellt."

Nun ist das Handelsfenster geschlossen, zum Zeitpunkt der Ad-hoc-Meldung hingegen nicht / Quelle: www-deutsche-boerse.de
Nun ist das Handelsfenster geschlossen, zum Zeitpunkt der Ad-hoc-Meldung hingegen nicht / Quelle: www-deutsche-boerse.de

Wann allerdings Insidergeschäfte vorliegen, wird in Deutschland selten gerichtlich geklärt. Selbst der oberste Aufseher des Landes, BaFin-Chef Jochen Sanio, beklagt immer wieder, dass zu viele Insiderverfahren ergebnislos eingestellt werden. Vor Gericht gab es im Jahr 2006 nur elf Verurteilungen wegen Insiderverstößen. Nur in einem Fall kam es zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Vorstände oder Aufsichtsräte fanden sich unter den Verurteilten nicht.

Thomas Eichelmann wird sich folglich entspannt zurücklehnen können. Es ist kaum zu erwarten, dass seine Aktienkäufe juristisch angreifbar sind - nach moralischen und ethischen Maßstäben sind sie es allemal. Der frischgebackene Finanzvorstand hat sein Haus ohne Not ins Gerede gebracht.

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