Montag, 26. Juni 2017

FC St. Pauli Bier, Bratwurst und Séparées

Seitdem zunehmend branchenfremde Manager in die Chefetagen der Fußballclubs einziehen, hat sich einiges verändert: Der Sport wird gegen den Willen vieler Fans kommerzialisiert. Wie schwer der Spagat zwischen Geldverdienen und Tradition ist, zeigt der Zweitligaaufsteiger FC St. Pauli.

Hamburg – Gespenstische Szenen gab es am Donnerstag am Millerntor, dem Fußballstadion des FC St. Pauli, zu beobachten: Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes entsorgten in grünen Schutzanzügen Tonbehälter mit Giftgas, auf die Bauarbeiter gestoßen waren. Der Neubau der Südtribüne dürfte sich damit weiter verzögern.

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Vielen Fans wird das nur recht sein, wird damit die drohende Kommerzialisierung des Vereins noch einmal aufgeschoben. Die VIPs müssen also weiter auf ihre "Séparées" am Millerntor warten, vorerst bleiben deutlich erhöhte Bierpreise im Stadion das Hauptärgernis der Anhänger. Bei anderen Vereinen ist dieser Trend schon längst fortgeschritten, das Sponsoring aus den Stadien zumindest in den oberen Ligen nicht mehr wegzudenken.

Seit einigen Jahren verfolgt ein immer größerer Teil der Zuschauer die Fußballspiele zumeist bestens bewirtet aus VIP-Logen oder von Business-Seats aus – nach der guten alten Stadionwurst fragt hier keiner mehr. Fast jeder Verein hat ein eigenes Maskottchen und wird von Cheerleadern angefeuert, dazu kommunizieren Stadionsprecher in einem "Danke-Bitte"-Dialog auf Kindergartenniveau mit dem gut zahlenden Publikum.

Verkauft wird all dies als familienfreundlich und in neu erbauten Stadien, die fast ausnahmslos Arenen heißen – verbunden mit dem Namenszusatz des Sponsors, was zu Auswüchsen wie beim 1. FC Nürnberg führen kann, wo die Fans seit 2006 ins Easy-Credit-Stadion pilgern. Beim Hamburger SV gewöhnen sich die Anhänger nach dem Umbau des Volksparkstadions und der Umbenennung in AOL-Arena schon an den zweiten neuen Namen - das Buchstabenkonstrukt HSH-Nordbank-Arena.

Je traditionsbewusster der Verein und die Fans, umso härter jedoch der Widerstand. Aus Protest gegen neue orangefarbene Trikots warfen Anhänger des Drittligisten 1. FC Magdeburg jüngst massenweise orange T-Shirts auf das Spielfeld, denn die Traditionsfarben des Vereins sind blau und weiß.

In Österreich wurde der Verein Austria Salzburg sogar in Red Bull Salzburg umbenannt, auch die Vereinsfarben wurden sponsorgerecht gleich ausgetauscht. Auf die heftige Ablehnung, die weit über die Grenzen Österreichs hinaus wahrgenommen wurden, war Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz nicht vorbereitet, ließen sich seine Sponsorenwünsche doch bei neueren Trendsportarten immer problemlos umsetzen. Anders dagegen im Fußball. Hier gehen die Verantwortlichen bereits den eher umgekehrten Weg - wie SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, der den von ihm optimierten Verein TSG Hoffenheim kurzerhand in TSG 1899 Hoffenheim umtaufte, um Tradition vorzugaukeln.

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