Donnerstag, 21. Juni 2018

FC St. Pauli Bier, Bratwurst und Séparées

3. Teil: Vom Traum zum Albtraum

Vom Traum zum Albtraum

Statt eines Neubaus war schnell klar, dass das Millerntor für insgesamt 32 Millionen Euro in vier Etappen umgebaut werden soll. Das neue Stadion soll demnach erst 2014 fertig sein – die Bauabschnitte werden abhängig gemacht vom sportlichen und damit auch finanziellen Erfolg. Ein weiser Plan, dachte man – im Dezember 2006 wurde deshalb zunächst die Südtribüne in einer großen Inszenierung des Showfachmanns Littmann abgerissen – 2000 Fans waren dabei und träumten von der neuen Tribüne, die schon im Sommer eingeweiht werden sollte.

Erlauchter Kreis: Nach dem Abriss der Südtribüne erhalten am Millerntor nur Fans mit einer Dauerkarte Einlass
Doch die Geschichte entwickelte sich zu einem Albtraum – einige lange Monate passierte auf der vermeintlichen Baustelle nämlich gar nichts. Lediglich die Zuschauerkapazität war um einige Tausend Plätze deutlich gesunken. Der Verein verliert seitdem eine Menge Einnahmen und auch Sympathien bei den Anhängern, die draußen bleiben müssen, denn momentan können St.-Pauli-Fans Heimspiele nur verfolgen, wenn sie im Besitz einer Dauerkarte sind.

Trotzdem stieg der Verein im Mai im Spiel gegen Dynamo Dresden auf, 15.000 Zuschauer in dem seit Monaten einem Hufeisen ähnelnden Stadion und 60.000 auf der nahen Reeperbahn feierten ein großes Fest. Und obwohl in den Medien noch immer hämisch vom "Littmann-Loch" die Rede ist, wurde der Theatermann vom Aufsichtsrat, mit dem er lange zuvor im Streit lag, kürzlich erneut als Kandidat für das Amt des Präsidenten benannt.

Teile der Anhängerschaft sind jedoch gegen ihn, viel wird bei der Wahl im November vom Vorankommen bei der Südtribüne abhängen. Immerhin konnten die Bauarbeiten im Sommer endlich beginnen - bis zum plötzlichen Baustopp nach dem Fund des Giftgases. Deutlich sichtbar sollte sich die neue Heimat vieler Fans zur Jahreshauptversammlung allerdings schon zeigen - gerade jetzt, wo auch das beliebte Clubheim dem Abrissbagger zum Opfer fallen soll.

Erste Diskussionen gibt es darüber hinaus auch zum Thema Stadionname. Bleibt es beim Millerntor? Widersteht der Verein hier den Verlockungen des schnellen Geldes, um seine Tradition als der "etwas andere Club" zu bewahren? Oder laufen die braunweißen Kiezkicker bald im Pokerroom - dem Namen eines der neues Sponsoren - auf?

Die Verantwortlichen lassen sich derzeit nicht in die Karten blicken, doch sie wissen, dass die Fans Namen wie die bundesweit verbreiteten Osnatel-Arena oder Commerzbank-Arena auf keinen Fall akzeptieren würden – allenfalls Astra-Kiste in Anlehnung an den lokalen Bierlieferanten würde wohl noch durchgehen.

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