Dienstag, 27. September 2016

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Offene Gesellschaft Brot oder Spiele

Grüne, FDP, Linkspartei und natürlich DM-Gründer Götz Werner. Alle reden übers Grundeinkommen. Nur die SPD nicht. Warum eigentlich?

Vor einigen Wochen hatte ich das Vergnügen (doch, doch, es war durchaus ein Vergnügen) mit zwei Mitgliedern des SPD-Parteivorstands bei einem abendlichen Bier beieinanderzusitzen. Das Thema kam natürlich schnell auf die miesen Umfragewerte der SPD und deren Ursachen.

  Christian Rickens , Redakteur bei manager magazin
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Christian Rickens, Redakteur bei manager magazin
Sinngemäß sagte ich den beiden Folgendes:"Die absolute Kernkompetenz der SPD ist die soziale Gerechtigkeit. Doch diese Kernkompetenz lassen sich die Sozialdemokraten gerade abjagen. Und zwar nicht etwa von der Linkspartei oder der nach links gerückten CDU, sondern von einem Karlsruher Drogeriemarktbesitzer. Peinlich, peinlich ..." Ich meinte natürlich den DM-Gründer Götz Werner. Einen freundlichen, anthroposophisch angehauchten älteren Herren, dessen Buch "Einkommen für alle" im Frühjahr die Bestsellerlisten stürmte und dem bei einem Auftritt in Hamburg im vergangenen Herbst rund 2000 Leute zuhören wollten.

Dabei gibt es in Hamburg noch nicht einmal Filialen von DM. Der Hamburger kauft sein Waschpulver bei Budni. 2000 Zuhörer - die muss der Hamburger SPD-Bürgermeisterkandidat Michael Naumann erst einmal zusammenbekommen. Götz Werner schaffte dieses Kunststück mit einer simplen Idee: Er will in Deutschland alle sozialen Sicherungssysteme abschaffen und durch ein einheitliches Grundeinkommen ersetzen. Das soll irgendwo zwischen 750 und 1500 Euro betragen und an jedermann ausgezahlt werden, vom bisherigen Sozialhilfeempfänger bis zum Multimillionär.

Wenn Sie jetzt spontan denken: "utopisch", "nicht finanzierbar", oder auch: "verkappte Umverteilung von unten nach oben" - dann reagieren Sie etwa genauso wie meine beiden sozialdemokratischen Gesprächspartner.

Man kann sicherlich sehr lange und kontrovers über das Für und Wider eines Grundeinkommens diskutieren, und auf den Veranstaltungen von Werner geschieht das auch. Was ich viel faszinierender finde: Die bekannten Gegenargumente werden bei der SPD als Begründung genannt, warum man über ein Grundeinkommen gar nicht erst reden müsse. Eine seltsame Entscheidung, denn damit verliert die SPD automatisch die Hoheit über die wahrscheinlich spannendste Debatte, die derzeit in Deutschland zum Thema soziale Gerechtigkeit abläuft.

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