Freitag, 16. November 2018

China Deutschland überrundet?

Chinas Statistiker haben noch mal nachgerechnet - und plötzlich soll die Wirtschaft des Landes derzeit so stark wachsen, wie seit Jahren nicht mehr. Womöglich hat das Riesenreich bereits die Bundesrepublik als drittgrößte Volkswirtschaft der Erde abgelöst.

Peking - Mit dem unerwartet starken Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes - 11,9 Prozent binnen Jahresfrist im zweiten Quartal - wird China auch nach den offiziellen Berechnungen des Statistikamtes in Peking schon bald Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Erde überholt haben. Es gebe wohl unterschiedliche Berechnungen, räumte Sprecher Liu Xiaochao heute ein. "Aber eine Sache ist sicher: Der Abstand zu Deutschland wird immer kleiner."

Starker Zuwachs: China kommt Deutschland als drittstärkste Wirtschaftsmacht der Erde immer näher
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Starker Zuwachs: China kommt Deutschland als drittstärkste Wirtschaftsmacht der Erde immer näher
Im gesamten ersten Halbjahr wuchs die chinesische Wirtschaft um 11,5 Prozent und damit um 0,5 Prozentpunkte schneller als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, wie das Statistikamt heute in Peking offiziell mitteilte. Allerdings wächst auch die Inflation. Die Verbraucherpreise legten seit Januar um 3,2 Prozent zu. Der Anstieg betrug allein im Juni 4,4 Prozent. Der vor allem von Investitionen und Exporten angefeuerte Boom führte bereits dazu, dass China 2005 Großbritannien als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ablöste.

Mit seiner Wirtschaftsleistung sitzt das ostasiatische Land mit einer Wirtschaftsleistung von rund 2,7 Billionen Dollar Deutschland im Nacken, das 2006 auf etwa 2,9 Billionen Dollar kam. Sollten die optimistischsten Jahres-Prognosen der Experten von mehr als 12 Prozent eintreffen, könnte China schon dieses Jahr an Deutschland vorbeiziehen und hätte dann nur noch die USA und Japan vor sich. Pro Einwohner ist der Abstand aber weiter enorm: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt in China bei rund 2000 Dollar und beträgt damit nur etwa 6 Prozent des deutschen Niveaus.

Die deutschen Wachstumszahlen für das zweite Quartal liegen noch nicht vor. Das Bundesfinanzministerium kündigte heute aber bereits an, dass der Aufschwung im Frühjahr etwas an Kraft verloren habe. Das Quartalswachstum des ersten Vierteljahres von 0,5 Prozent werde daher wohl nicht erreicht. Zum Vorjahr lag der Anstieg bei 3,6 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnen Experten mit einem deutschen Wachstum von 2,7 Prozent.

Die deutschen Exporteure sehen den Boom in China bislang positiv. Anton Börner, Präsident des Bundesverbands Groß- und Außenhandel, rechnet damit, dass China Deutschland spätestens 2009 auch als Exportweltmeister ablöst. Das sei aber eine gute Nachricht, sagte Börner unlängst der Nachrichtenagentur Reuters. "Je reicher unsere Kunden, desto besser ist das für uns."

Einige Experten sehen China bereits heute als drittgrößte Wirtschaftsnation nach den USA und Japan. Der Chefökonom der Standard Chartered Bank in Shanghai, Stephen Green, geht davon aus, dass das Statistikamt das tatsächliche Bruttoinlandsprodukt um zehn bis 20 Prozent unterschätzt. Damit habe Deutschland "wahrscheinlich schon vor ein paar Monaten" seinen dritten Platz an China abgeben müssen.

Chinas Regierungschef Wen Jiabao hatte im März nur acht Prozent als Wachstumsziel für das Jahr vorgegeben. Mehrere Zinserhöhungen und andere Maßnahmen der Zentralbank, die Wirtschaft abzukühlen, hatten die Wachstumsrate aber nicht deutlich senken können.

manager-magazin.de mit Material vin dpa und reuters

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