Freitag, 23. Februar 2018

Müllers Welt Die totalitäre Herausforderung

Autoritär regierte Schwellenländer wie China und Russland fordern den Westen heraus. Sie sind wirtschaftlich enorm erfolgreich, aber sie spielen nicht nach unseren Regeln. Demokratie? Meinungsfreiheit? Freie Lohnverhandlungen? Demonstrationsrecht und Versammlungsfreiheit? Keine Selbstverständlichkeiten. Wie soll der Westen darauf reagieren? Diskutieren Sie mit im neuen Blog "Müllers Welt".

Können wir uns die Demokratie nicht mehr leisten? Dieser Eindruck drängt sich bei manchem Gespräch mit westlichen Managern auf, die in den in Schwellenländern arbeiten. Voll des Lobes sind sie über die Effektivität der Regierungen in autoritär regierten Schwellenländern wie China, Russland oder Golfstaaten, sie preisen die dortigen Herrscher und sind begeistert von der Dynamik der ökonomischen Entwicklung.

  Henrik Müller , geschäftsführender Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
Henrik Müller, geschäftsführender Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
Dieses Argument habe ich in den vergangenen Jahren häufiger hinter vorgehaltener Hand gehört: Demokratie und Rechtsstaat im Westen hielten die wirtschaftliche Dynamik bloß auf.

Belege? Das autoritäre China wächst seit Jahren mit 10 Prozent, das demokratische Indien bloß mit knapp 8 Prozent. Venezuela, wo gerade die Pressefreiheit abgeschafft wird, wächst schneller als Brasilien, Libyen schneller als Südafrika, Russland schneller als die meisten osteuropäischen EU-Staaten. Übrigens: Die Eurozone und die USA wachsen derzeit mit rund 2,5 Prozent.

Klar, diese Vergleiche sind nicht ganz fair. Und doch sind undemokratische Volkswirtschaften eine ernsthafte Herausforderung für den Westen, nicht nur wegen ihrer Attraktivität auf hiesige Manager: Längst sind sie wichtige Handelspartner des Westens, inzwischen treten sie auch als zuweilen aggressive Investoren auf.

Betreten verboten: Ökonomisch erstaunlich offene, aber politisch geschlossene Gesellschaften machen derzeit die Weltwirtschaft unsicher
Sie setzen den Westen schon mal unter Druck – sie fordern uns heraus, indem sie Freiheits- und Mitwirkungsrechte unterdrücken, indem sie ökonomische und politische Ziele gelegentlich undurchschaubar verweben.

Ich habe in den vergangenen Monaten bei Recherchen für manager magazin eine Menge Eindrücke dieser Art gewonnen: In Berlin, Washington und Brüssel habe ich mit Profis der Handelspolitik geredet; in Dubai und Abu Dhabi mit Strategen staatlicher Investmentgesellschaften und örtlichen Geschäftsleuten; ich habe mit Chinesen gesprochen, die in Deutschland aktiv sind, und mit Abwehrprofis des Bundesamts für Verfassungsschutz, die Hinweise auf systematischen Diebstahl geistigen Eigentums hier in Deutschland haben. Ökonomen und liberale Stammtischpolitiker, die nur theoretisch von den Segnungen des Freihandels schwärmen, haben die Verbindung zu einer immer raueren Realität des globalen Powerplay verloren.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH