Montag, 19. November 2018

China Die Opfer des Wirtschaftswunders

6. Teil: Die zurückgelassenen Kinder

Die zurückgelassenen Kinder

"Es ist hart für uns. Aber wir hatten nicht angenommen, dass es für unsere Kinder genauso schwierig wird."

Mit diesen Worten reagierte ein chinesischer Wanderarbeiter in Peking darauf, dass die Schule für seine Kinder im Herbst 2006 kurzerhand von den Behörden geschlossen wurde. Die Serie von Schulschließungen in der Hauptstadt im vergangenen September verdeutlicht, dass China auch die Zukunft der bis zu 20 Millionen Kinder von Wanderarbeitern riskiert.

Schule in Fuyang: Eltern greifen zur Selbshilfe
Da die meisten Wanderarbeiter nicht offiziell registriert sind und die Schulgebühren nicht zahlen können, ist ihren Kindern der Besuch einer staatlichen Schule in der Regel verwehrt. Es wird erwartet, dass die Kinder weiterhin in ihrem Heimatbezirk eine Schule besuchen, auch wenn die Eltern in die Stadt ziehen.

Oftmals greifen die Eltern zur Selbsthilfe und organisieren vor Ort private Schulen für ihre Kinder. Doch diese werden - wie jüngst in Peking - von lokalen Behörden wieder geschlossen, wenn sie bestimmte Auflagen (Sportplätze, Mindestgröße von Grünflächen) nicht erfüllen.

Recht auf Schulbildung verweigert

Die Verzweiflung der Betroffenen belegt Amnesty in dem Bericht auch mit Bildern aus der chinesischen Presse. Nachdem die Behörden eine Schule für Wanderarbeiter in der Hauptstadt geschlossen hatten, kletterten viele Kinder über das verriegelte Tor und trugen ein paar Stühle hinaus. Sie hofften, anderswo weiterlernen zu können.

"Die Kinder von Wanderarbeitern werden erniedrigt und wiederholt diskriminiert. Ihre Seelen werden verwundet und sie werden die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, hassen", warnt Parlamentarier Wang. "Sie werden eine Bedrohung für unsere Gesellschaft."

Offiziell garantiert Chinas Verfassung jedem Bürger das Recht auf eine neunjährige Schulbildung. In der Praxis wird aber Millionen von Kindern dieses Recht verwehrt. Dies dürfte auch für die gesamte Volkswirtschaft, die zunehmend auf qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen ist, zu einem Problem werden.

"Wir sehen die Kinder ein- oder zweimal im Jahr"

Viele Wanderarbeiter lassen aufgrund der Repressionen in den Städten ihre Kinder in der ländlichen Heimat zurück und geben sie in die Obhut von Verwandten. Eine Studie der Pekinger Renmin-Universität ergab, dass rund 23 Millionen Kinder in Chinas ländlichen Gebieten ohne ihre Eltern aufwachsen.

80 Prozent der Mütter, die sich als Wanderarbeiterinnen durchschlagen, sehen ihre Kinder nur ein- oder zweimal im Jahr, so ein weiteres Ergebnis der Studie. 12 Prozent gaben an, ihre Kinder "alle ein bis zwei Jahre" zu sehen. Die Folgen für die geistige und seelische Entwicklung der Kinder sind laut Amnesty-Bericht dramatisch: Die Vorschläge der Regierung, mehr Internate zu errichten oder Eltern und Kindern Zugang zu Videokonferenzen zu ermöglichen, werden den Verlust der Familie nicht kompensieren.

Viele Eltern können selbst zum Neujahrsfest nicht zu ihren Kindern zurückkehren, da ihre Arbeitgeber über den Jahreswechsel den Lohn einbehalten. So haben sie nicht einmal Geld für die Zugfahrt nach Hause.

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