Montag, 19. November 2018

China Die Opfer des Wirtschaftswunders

5. Teil: "Es ist zu teuer, krank zu sein"

"Es ist zu teuer, krank zu sein"

"Ich aß keine Krankenhausmahlzeiten, da ich fürchtete, sie seien zu teuer. Stattdessen brachte mir meine Cousine etwas zu essen. Nach einigen Tagen bekam ich keine Medikamente mehr, da niemand mehr dafür bezahlte."

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Der Außenseiterstatus der Wanderarbeiter schließt sie auch aus dem Gesundheitssystem aus. Für sie ist es einfach "zu teuer, krank zu sein", so der Titel einer Untersuchung in Peking und Nanjing. Die meisten von ihnen sind nicht krankenversichert und begeben sich nur im äußersten Notfall ins Krankenhaus. "Die hohen Kosten für medizinische Versorgung und der fehlende Versicherungsschutz führen dazu, dass die meisten Wanderarbeiter entweder sich selbst behandeln oder versuchen, so lange wie möglich durchzuhalten", so das Ergebnis der Untersuchung.

Rund 90 Prozent der Wanderarbeiter sind nicht krankenversichert, ergab eine Dreijahresstudie in Shanghai. Zwei Drittel aller Frauen, die aufgrund von Komplikationen in der Schwangerschaft sterben, sind Wanderarbeiterinnen. Die Rate der Totgeburten ist bei ihnen doppelt so hoch wie unter den "Permanent Residents".

120 Dollar pro Tag oder Amputation

Entsprechend schlecht ist die Versorgung bei Arbeitsunfällen. Niemand fühlt sich für die Betroffenen zuständig. Der Amnesty-Bericht führt den Fall des Hilfsarbeiters Cha Guoqun an, der vom Land in die Küstenstadt Hangzhou gezogen war, um dort in einer Fabrik zu arbeiten. Als eine Schnittwunde in seinem Bein sich entzündete, ging er ins Krankenhaus.

Da er nicht krankenversichert war, stellte ihn der Arzt vor die Wahl: Entweder 120 Dollar pro Tag für die Behandlung zu zahlen (was mehr als seinem Monatslohn entsprach), oder sich das Bein amputieren zu lassen. Cha hatte Glück: Eine christliche Hilfsorganisation finanzierte den Aufenthalt in einer anderen Klinik, die sein Bein rettete.

Wohnen auf engstem Raum

Fehlende medizinische Versorgung ist auch deshalb ein Risiko, weil die meisten Wanderarbeiter auf engstem Raum, in primitiven Schlafsälen auf dem Firmengelände oder in übervölkerten Wohnungen außerhalb der Stadt leben. In Peking zum Beispiel diente das berüchtigte "Zhejiang Village" zeitweise als Unterkunft für 100.000 Wanderarbeiter, bevor die Gebäude 1996 wegen Baufälligkeit abgerissen wurden.

Während sich Städtebewohner als Permanent Residents staatliche Förderung sichern können, um Wohneigentum zu erwerben, bleibt den Wanderarbeitern diese Möglichkeit verwehrt - selbst dann, wenn sie als Temporary Residents ordentlich registriert sind. Selbst eine Aufenthaltserlaubnis hebt die Diskriminierung nach Herkunft nicht auf.

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