Donnerstag, 21. Juni 2018

China Die Opfer des Wirtschaftswunders

4. Teil: Wie Manager die Löhne drücken

Wie Manager die Löhne drücken

"Wenn du zu erschöpft bist, um aufzustehen, kannst du einen Tag unentschuldigt fehlen. Aber das sollte man nur im äußersten Notfall machen, denn dann verlierst du deinen Anwesenheits- und Überstundenbonus für den gesamten Monat. Außerdem ziehen sie dir den Lohn für vier volle Tage ab, als Strafmaßnahme."

Stahlarbeiter in Liaoning: System von Geldbußen und Überstunden drückt die Löhne
So schildert eine Fabrikarbeiterin aus Dongguan im China Labour Bulletin das System, mit dem Wanderarbeiter unter Druck gesetzt werden. Zwar können lokale Behörden in China einen Mindestlohn festsetzen, der auf den örtlichen Lebenshaltungskosten basiert. Durch den Zwang zu Überstunden, Geldbußen für Widerreden oder Nichterscheinen und durch das Zurückhalten von Löhnen haben manche Manager jedoch ein wirkungsvolles System etabliert, um die durchschnittlich gezahlten Löhne zu drücken.

In manchen Fabriken werden Arbeiter nach produzierter Stückzahl bezahlt - die aber so hoch ist, dass sie auch mit Überstunden nicht erreichbar ist. Auf diese Weise sind Überstunden (tuoban) an der Tagesordnung und das Lohnniveau bleibt dennoch unter dem örtlichen Mindestlohn.

Rund 800 Yuan (100 Dollar) waren nach Berechnungen der Statistikbehörde im Jahr 2005 nötig, um im Umland von Hongkong den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die durchschnittlich gezahlten Monatslöhne betrugen dagegen 600 bis 700 Yuan.

Um die Mitarbeiter an das Unternehmen zu fesseln, werden laut Amnesty die Löhne erst nach einer Frist von zwei bis drei Monaten ausgezahlt: Ohne Arbeitsvertrag haben die Betroffenen ohnehin keinen Hebel, um Löhne einzuklagen. Wer seinen Arbeitgeber wechseln will, riskiert drei Monatsgehälter: Da vor allem Subunternehmer gelegentlich über Nacht verschwinden, gehen Arbeiter häufig leer aus.

Das chinesische Bauministerium hat errechnet, dass bis Ende 2003 Löhne in Höhe von 22 Milliarden Dollar einbehalten oder nicht gezahlt wurden. Dass die Summe der ausstehenden Löhne in der Bauindustrie bis 2006 offiziell auf "nur noch" 1,2 Milliarden Dollar gesunken ist, wird von der politischen Führung bereits als Erfolg gefeiert.

Ein besonders beliebtes Mittel der "Mitarbeiterbindung" ist, Arbeitern vor dem chinesischen Neujahrsfest die Löhne zurückzuhalten - auf diese Weise stellt man sicher, dass sie auch im neuen Jahr wieder am Band stehen.

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