08.02.2007
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Siemens-Affäre
Der Code zum Schmiergeld

Von Christian Buchholz

Ein Ex-Siemens-Manager behauptet, dass es konzernintern verschlüsselte Formulierungen für Bestechungsgelder gegeben hat. Eine zweite Führungskraft stützt die Behauptung. Der Code, der nach Aussage eines mutmaßlich Beteiligten "weit verbreitet" im Unternehmen war, soll in ansonsten unsinnigen Zusätzen vieler Verträge auftauchen.

München/Hamburg - "Wir machen gegenüber den Medien auf Anfrage keine Aussagen zum Themenkomplex Siemens", sagte Anton Winkler, Sprecher der Staatsanwaltschaft München, gegenüber manager-magazin.de. Zum Thema Schmiergeld-Code bei Siemens Chart zeigen gab der Jurist "keinen Kommentar".

Verräterische Buchstabenkombination: Siemens soll über Codes Bestechungsgelder in Geschäftspapieren dokumentiert haben
manager-magazin.de

Verräterische Buchstabenkombination: Siemens soll über Codes Bestechungsgelder in Geschäftspapieren dokumentiert haben

Existierte der im Konzern angeblich "Make Profit" benannte Code, könnte er die Ankläger aber wie eine gestempelte Signatur durch zahlreiche Dokumente leiten, die die Staatsanwaltschaft bei ihrer Razzia in der Konzernzentrale sichergestellt hat.

Jedes Papier zu einem Kundenvertrag, auf dem eine dreistellige Buchstabenfolge in einem bestimmten Zusammenhang auftaucht, wäre dann ein möglicher Beleg für geplante, vereinbarte oder geleistete Schweige- und Schmiergeldzahlungen. Viele Summen, die illegal vom Konzern gezahlt wurden, sind nach Informationen von manager-magazin.de schriftlich fixiert. Eine Spur, die für die Ermittler leicht zu verfolgen wäre.

Verschlüsselung kinderleicht zu knacken

Nach einem Bericht des "Wall Street Journal Europe" hat der unter Bestechungsverdacht stehende Ex-Siemens-Manager Michael Kutschenreuter bei der Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft den Code, der laut Vernehmungsprotokoll "weit verbreitet war", erklärt. Der heute 52-Jährige war von 2001 bis 2005 kaufmännischer Bereichsvorstand der Telekommunikationssparte Com und wechselte danach als Geschäftsführer zur Immobilientochter Siemens Real Estate (SRE). Seit vergangenem November ist er vom Dienst suspendiert.

Auf Anfrage von manager-magazin.de bei den Anwälten fünf Verdächtiger, die von der Staatsanwaltschaft vernommen wurden oder werden, wollten sich vier nicht zu dem Code äußern. Auch Siemens-Ombudsmann Hans-Otto Jordan lehnte eine Stellungnahme ab, ebenso das New Yorker Büro der Anwaltskanzlei Debevoise Plimpton, das von Siemens mit der Aufklärung der Korruptionsvorwürfe mandatiert wurde. Ein fünfter Anwalt eines Verdächtigen erklärte gegenüber manager-magazin.de, sein Mandant dementiere die Existenz des Codes nicht.

Ein Siemens-Konzernsprecher sagte: "Ich kenne keinen Make-Profit-Code und von anderen angeblichen Bestechungscodes ist uns ebenfalls nichts zu Ohren gekommen."

Für die Verschlüsselung der Schmiergeldsummen nutzten die Verantwortlichen bei Siemens nach Angaben Kutschenreuters lediglich zehn Buchstaben, die Eingeweihte leicht in die entsprechenden Ziffern übersetzen können. Dabei stand ein A nicht wie in Detektivspielen für eine 1 oder ein B für 2. Anstelle des Alphabets galt als Basis die Formulierung MAKE PROFIT – M für 1, A für 2, T für 0.

Die Compliance-Abteilung intervenierte

Tauchte in einem Vertrag die Formulierung "file this in the MAT file" auf, so wurde damit nach der Aussage des Managers festgeschrieben, dass eine dritte Partei - meist der Vermittler des Deals - zusätzlich 1,20 Prozent der Vertragssumme erhalten solle. Die Abwicklung der Schmiergeldzahlung erfolgte dann stets an den Büchern vorbei, heißt es nach Aussagen verschiedener ehemals Beteiligter. Die meisten von ihnen gaben nach Informationen von manager-magazin.de in ihren Vernehmungen an, dass sie nicht wussten, von welchen Konten das Bakschisch-Geld stammte - und auch nicht danach gefragt hätten.

Die Worte "MAKE PROFIT" könnten über die Jahre durch andere Formulierungen abgelöst worden sein, das System, das unter anderem den meisten Außendienstmitarbeitern im Vertrieb bekannt gewesen sein soll, hielt sich nach Informationen aus Unternehmenskreisen bis ins Jahr 1997. Eine Gesetzesänderung in Deutschland veranlasste die Compliance-Abteilung angeblich, auf die Abschaffung der codierten aber schriftlich fixierten Schmiergelder zu drängen.

Bis dahin waren die Zahlungen an Dritte in Deutschland zwar moralisch fragwürdig, aber juristisch unbedenklich. Jedenfalls, sofern es sich bei den Begünstigten nicht um Staatsbedienstete handelte. In einigen anderen der 190 Länder, in denen Siemens aktiv ist, galten hingegen schon vorher schärfere Bestimmungen. Um die Nebenbeizahlungen vor den Behörden in diesen Ländern zu verschleiern, soll das Codesystem flächendeckend genutzt worden sein.

Ein Schmiergeldverfahren beginnt am 13. März

Eine der jüngsten Bestätigungen für die Existenz schwarzer Kassen bei Siemens soll der 43-jährige Juan S. abgegeben haben. Der Argentinier reiste vor wenigen Tagen nach München und wurde dort lange von der Staatsanwaltschaft vernommen. Von 2002 bis 2005 war er als kaufmännische Führungskraft bei Siemens Com beschäftigt. Im vergangenen November soll er - mittlerweile nach Moskau versetzt - von seinen Aufgaben suspendiert worden sein. Siemens macht zur Person keine Angaben.

Bereits am 13. März müssen sich ein Ex-Bereichsvorstand und ein vormals leitender Angestellter der Siemens-Kraftwerkssparte, heute 73 und 63 Jahre alt, vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Sie sollen zwischen 1999 und 2002 rund sechs Millionen Euro Schmiergeld an zwei Verantwortliche des italienischen Energiekonzerns Enel Chart zeigen gezahlt haben. Mit den verschleierten Zahlungen sollen Großaufträge für Gasturbinen an Land gezogen worden sein. In Italien sind bereits zwei Manager verurteilt worden, weil sie an dem Deal mitgewirkt haben sollen.

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