Sonntag, 30. April 2017

Auswanderer-Blog 1920, 1950, 2006

Vor drei Wochen wollte manager-magazin.de erstmals von seinen Lesern wissen, ob Auswanderer an ihre patriotischen Pflichten erinnert werden müssen. Die Reaktion war überwältigend. Vor allem bereits im Ausland lebende Deutsche meldeten sich von allen Kontinenten, um zu erklären, warum sie ihr Heimatland verlassen haben.

Nach den großen Auswanderungswellen infolge der beiden Weltkriege des vorigen Jahrhunderts erlebt Deutschland nun einen weiteren Aderlass an gut ausgebildeten Menschen. manager-magazin.de wollte begleitend zur Titelgeschichte ("Deutschland blutet aus") in der Juli-Ausgabe des manager magazins von seinen Lesern wissen, ob sie Verständnis für die modernen Wirtschaftsflüchtlinge haben, oder ob die Auswanderer an ihre patriotischen Pflichten erinnert werden müssen.

Trotz WM-Patriotismus: Immer mehr Deutsche zieht es ins Ausland
Neben den Statements der (noch) hier Gebliebenen erreichten uns von allen Kontinenten E-Mails der vermeintlichen "Fahnenflüchtlinge", die ihre Entscheidung, der Heimat den Rücken zu kehren, verteidigten. Fazit: Theodor Fontanes Ausspruch "Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen" hat nur noch wenige Anhänger.

manager-magazin.de präsentiert eine Auswahl der Zuschriften:


Benutzername: Tom Schulz

Beitrag: Schon als ich 1989 nach dem Studium mein erstes Gehalt bekam, war mir und meinen Kollegen klar, dass wir fuer die Rentenversicherungsabzuege nie einen Gegenwert sehen wuerden. Einfache Mathematik reicht da aus. Und die demografischen Trends kennt auch jeder.

Wenn solche und andere grundlegenden Probleme in der deutschen Gesellschaft angeschaut und diskutiert werden wuerden, waere ja Hoffnung da, und es wuerde sich Solidaritaet einstellen. Solange aber in Deutschland die Probleme (zu hohe Steuern, Neidkultur, verkrustete Strukture, etc. etc.) aber von Wahlperiode zu Wahlperiode eher verharmlost, ignoriert und verschleppt werden, muessen die Jungen und Intelligenten die Konsequenz ziehen. Welcome to California!


Benutzername: J. Krapp

Beitrag: Volles Verständnis für die Auswanderer! Da warte ich schon lange darauf. Was den Unternehmern recht ist kann den Arbeitnehmern nur billig sein: Dorthin gehen, wo man gutes Geld verdienen kann und nicht vom Staat ständig mehr zur Kasse gebeten wird!

Das ist die Quittung dafür, dass man seit Jahren die Unternehmer hoffiert und den Arbeitnehmern die Zeche zahlen lässt...

Also nur weiter so - der letzte macht das Licht aus! J. Krapp Ft. Myers, Florida


Benutzername: Kai

Beitrag: Ich lebe seit einigen Jahren aus beruflichen Gründen in Frankreich. Abgesehen von meiner persönlichen Entwicklung (erst im Ausland wird man Patriot und sich seiner Wurzeln bewusst...) glaube ich, Deutschland auch hier in der Ferne einen patriotischen Dienst zu erweisen. Denn hier kann ich für den Standort Deutschland werben, Verständnis für den deutschen Markt erzeugen und Engagement und Investitionen in Deutschland meines Arbeitgebers initiieren. Und mein aufgebautes (internationales) Netzwerk wird bei meiner Rückkehr ebenfalls gute "patriotische" Dienste erweisen.


Benutzername: Uli Altvater

Beitrag: Deutschland im Crash Test:

Die Dummies sitzen am Steuer, die Ingenieure schauen von von aussen zu.

Das Ergebnis ist bekannt: Wie bei der ersten und zweiten sozialistischen Regierung, die in Berlin ihr Unwesen trieb. Untersucht wird nur das Ausmass des Schadens.

Wir sind nach USA ausgewandert und haben es nie bereut. Es blutet einem nur das Herz, wenn man zuschaut, wie unser einst so stolzes Vaterland von diesen inkompetenten Opportunisten zu Grunde gerichtet wird.


Benutzername: UKscientist

Beitrag: Ich bin einer der ausgewanderten Nachwuchswissenschaftler (Naturwissenschaften/Informatik). Nach dem Abschluss zweier Studiengaenge, Begabtenfoerderung, Promotion mit 28 Jahren (summa cum laude) und mehreren Publikationen in internationalen Top-Zeitschriften hatte ich zwei Moeglichkeiten: (1) als Nachwuchsprofessor in England mit 28 Jahren eine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen mit der Moeglichkeit nach fuenf Jahren eine unbefristete Professur zu erhalten oder (2) wissenschaftlich abhaengig eine auf zwei Jahre befristete Mitarbeiterstelle in Deutschland zu beginnen. Ich habe mich fuer ein System mit mehr Freiheit und Chancen entschieden und bin seit einem Jahr in England.

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Titel
Die Jagd auf Wiedeking
Der Ex-Porsche-Chef in den Fängen der Justiz

Ich scheine nicht der einzige zu sein, da sich die Anzahl der deutschen Wissenschaftler in GB in den lezten fuenf Jahren um 40% erhoeht hat. Waehrend man im Ausland die besten jungen Wissenschaftler eigenstaendig forschen laesst und bei exzellenter Leistung eine unbefristete Stelle gibt, gibt es in Deutschland nur die Ochsentour (Habilitation, Juniorprofessur) mit der Aussicht mit 40 Jahren evtl. eine feste Stelle zu haben. Kein Wunder das jeder, der eigene und neue Ideen hat, Deutschland verlaesst. Wenn das so weitergeht sieht es mit "Vorsprung durch Technik" schlecht aus in Deutschland.

Leider versteht die Politik unter Nachwuchsfoerderung nur die Ausbildung von Doktoranden (von denen es im internationalen Vergleich viel zu viele gibt). Was in Deutschland fehlt sind tenure-track Stellen fuer junge Wissenschaftler. Denn was nuetzen alle Nachwuchsprogramme (Emmy Noether, Volkswagen, Junioprof.) wenn langfristig keine Stellen vorhanden sind?


Die veröffentlichten Beiträge wurden nicht redigiert. manager-magazin.de behält sich aber vor, Zuschriften zu kürzen.

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