Montag, 17. Dezember 2018

Das deutsche Drama Mehr Patriotismus wagen?

7. Teil: Regional- vor Nationalgefühl

Regionale Identitäten vor Nationalgefühl

Dass auch Bayern, Sachsen, Berliner, Hamburger, Ostfriesen, Badener, Rheinländer oder Hessen an Nazi-Verbrechen beteiligt waren, ist unbestreitbar. Es belastet aber nicht die regionalen Identitäten.

Nationalstolz ohne Hinetergdanken: In Österreich repräsentiert ein vollwertiger, souveräner Staat mit allen Symbolen und Riten das Kollektivgefühl
Die Verbrechen wurden im Namen Deutschlands begangen. Deshalb hat man Probleme damit, Deutscher zu sein. Aber die Regionen sind eben eine andere Sache. Sie haben eine andere, teils eigenständige, auf jeden Fall aber viel länger zurückreichende Geschichte als der deutsche Nationalstaat. Die jüngere Vergangenheit kann ihnen nicht viel anhaben.

Aus dieser Trennung zwischen regionaler und deutscher Identität erklärt sich übrigens auch das österreichische Selbstverständnis. Kein vernünftiger Österreicher bezweifelt heute, dass auch seine Landsleute an Verbrechen beteiligt waren (oder dass Adolf Hitler in Österreich aufgewachsen war). Aber das ficht sie nicht an: Österreicher begingen Verbrechen im Namen Deutschlands.

Österreich gab es schließlich zwischen 1938 und 1945 nicht mehr, es war nicht ganz freiwillig per "Anschluss" als "Ostmark" ins "Großdeutsche Reich" eingegliedert worden. Und hat "felix Austria", die Habsburger Großmacht, die vom Wiener Hof aus regiert wurde, nicht eine Jahrhunderte währende Geschichte, auf die man heute noch stolz sein kann?

Offenkundig. Österreicher können sich deshalb aus vollem Herzen und ohne Hintergedanken zu ihrem Österreichertum bekennen. Eine Haltung, die viele Deutsche heftig kritisieren, die sie aber selbst in Bezug auf ihre eigenen regionalen Identitäten in ähnlicher Weise praktizieren.

Der Unterschied ist nur: In Österreich repräsentiert ein vollwertiger, souveräner Staat mit allen Symbolen und Riten das Kollektivgefühl – in Deutschland hingegen findet das Regionalgefühl, wenn überhaupt, in den weitgehend bedeutungslosen Bundesländern seine staatliche Verankerung.

Hier liegt der Schlüssel zur Beantwortung der neuen deutschen Frage: Einerseits gibt es einen Bundesstaat, der aber unzureichend emotional unterfüttert ist. Andererseits gibt es lebendige regionale Identitäten, die aber im staatlichen System unzureichende Entsprechungen finden.

Und so könnte die Antwort aussehen: Die staatliche Ordnung sollte den Bedürfnissen der Bürger angepasst werden. Statt die Bürger zu Nationalpatrioten zu erziehen, sollte sich die Bundesrepublik regionalisieren.

Statt Frankreich oder Großbritannien nachzueifern und ein patriotisch aufgeladener Nationalstaat zu werden, sollte Deutschland sich seiner eigenen Traditionen besinnen: schwache deutsche (Kultur-)Nation – starke regionale Identitäten. (…)

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