Montag, 25. März 2019

AKW von Siemens Die Renaissance der Kernkraft

Framatome ANP und Siemens bauen derzeit in Finnland ein neues Atomkraftwerk. Sollte das Projekt im nordischen Technologie-Wunderland Erfolg haben, könnten auch andere Länder ihr Interesse an der Kernenergie wieder entdecken - zum Beispiel Deutschland.

Helsinki - Heinrich von Pierer schwärmt und schmeichelt, wenn er über Finnland spricht. Mit seiner hoch modernen Infrastruktur und Industrie, dozierte der Siemens-Aufsichtsratschef kürzlich vor Mitgliedern der Deutsch-Finnischen Handelskammer (DFHK), gelte der Staat im hohen Norden "als Hightech-Standort par excellence".

Schwärmt für den Standort Finnland: Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer
Finnland, zweifacher Sieger der Pisa-Bildungsstudie und laut World Economic Forum (WEF) der wettbewerbsfähigste Standort der Welt, habe auch eine Schwäche, scherzt von Pierer: Insgesamt gebe es nur 5,2 Millionen Finnen - "schade, dass es nicht mehr sind".

Dass der ehemalige Vorstandschef bei Siemens Börsen-Chart zeigen Finnland schätzt, ist keine Überraschung. Denn der Konzern profitiert vom Technologie-Wunderland - insbesondere von der "Innovationsfreude unserer finnischen Partner", wie von Pierer rühmt: Etwa im Bereich der Kraftwerkstechnik, "und zwar sowohl in der konventionellen wie auch in der nuklearen." Von einem Atomausstieg ist Finnland derzeit ähnlich weit entfernt wie von einer Abschaltung der Saunas.

"Sicherer und wirtschaftlicher als je zuvor"

Im Land der Fichtenwälder und Seen erfährt von Pierer eine Industriefreundlichkeit, wie er sie aus Deutschland so nicht kennt. "Die heutige Kerntechnologie ist sicherer und wirtschaftlicher als je zuvor", erklärt der finnische Parlamentspräsident Paavo Lipponen, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Finnlands (SDP), bei der DFHK-Jahrestagung. "Nicht nur Finnland und Europa, sondern die ganze Menschheit benötigt eine breit gefächerte Energiepolitik", mahnt der Politiker pathetisch. Die Legitimität der Kernenergie müsse daher erhalten bleiben.

Auch außerhalb Finnlands ist Lipponen, der fließend deutsch spricht, kein Nobody. Dem 64-Jährigen, der von 1995 bis 2003 Ministerpräsident Finnlands war, wird ein gutes Verhältnis zu deutschen Politikern nachgesagt. Vergangene Woche hat Ex-Bundesaußenminister Klaus Kinkel (FDP) ihm in Helsinki den Theodor-Aue-Kulturpreis verliehen - für besondere Verdienste im kulturellen Austausch zwischen Finnland und Deutschland.

Mögen sich beide Länder historisch und kulturell noch so eng verbunden sein: Das Thema Atomstrom führt in Finnland, das momentan über vier Atomkraftwerke verfügt, kaum zu Spannungen - ganz anders als in Deutschland. Hier spricht der derzeitige Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) in Zeitungsinterviews von einer "Talfahrt der Atomenergie" und proklamiert als Alternative "die drei großen E: Energieeinsparung, Effizienz, erneuerbare Energien."

© manager magazin 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung