Freitag, 16. November 2018

Mannesmann Großer Fall, kleines Einmaleins

Darf eine Jugendrichterin dem Aufsichtsrat eines Großkonzerns ins Handwerk pfuschen? Die Frage, die sich viele vor dem Mannesmann-Prozess stellten, hält Anwalt Mark Binz für ein Ablenkungsmanöver. Im Interview mit manager-magazin.de erklärt der Mitinitiator des Verfahrens, worum es tatsächlich geht.

mm.de:

Herr Binz, Sie waren zusammen mit Ihrem Partner Martin Sorg Initiator des Mannesmann-Prozesses. Was ist Ihr Eindruck vom Auftakt?

 Mark Binz arbeitet als Fachanwalt für Steuerrecht in Stuttgart und ist Honorarprofessor für Unternehmensnachfolge. Im Februar 2000 stellte er zusammen mit seinem Partner Martin Sorg Strafanzeige wegen Untreue und brachte damit das Mannesmann-Verfahren ins Rollen.
Mark Binz arbeitet als Fachanwalt für Steuerrecht in Stuttgart und ist Honorarprofessor für Unternehmensnachfolge. Im Februar 2000 stellte er zusammen mit seinem Partner Martin Sorg Strafanzeige wegen Untreue und brachte damit das Mannesmann-Verfahren ins Rollen.
Binz: Es hat den Anschein, dass vor allem Herr Ackermann im Vorfeld des Prozesses nicht so gut beraten war. So ist er unmittelbar vor Prozessbeginn bewusst lächelnd lange stehen geblieben, um sich nicht erheben zu müssen, als die Strafkammer den Saal betrat. Schon das wurde ihm als Arroganz ausgelegt. Schlimmer noch war das Victory-Zeichen, das er vor den Kameras der Journalisten zeigte und das um die ganze Welt ging. Wenn man wegen eines so schwer wiegenden Deliktes vor Gericht steht, halte ich es nicht für passend, sich in Siegerpose darzustellen, auch wenn man sich für unschuldig hält. Damit wird das Gericht düpiert.

Offenbar hat das auch die PR-Abteilung der Deutschen Bank so gesehen, denn sie ließ später verbreiten, Ackermann habe lediglich mit Klaus Esser über den Prozess gegen Michael Jackson gesprochen und in diesem Zusammenhang dessen Victory-Zeichen nachgeahmt. Ich finde diese Erklärung, selbst wenn sie der Wahrheit entspricht, noch peinlicher, als wenn Herr Ackermann zu dem Victory-Zeichen stünde. Immerhin steht fest, dass Ackermann sich nicht bereichert hat und ihn von allen Beteiligten die geringste Schuld trifft, sodass eine Einstellung des Verfahrens gegen die übliche Geldbuße nahe liegt. Diese Chance sollte er jetzt nicht verspielen.

mm.de: Wie haben sich die Angeklagten in juristischer Hinsicht verhalten?

 Der Kampf begann schon vor dem Prozess: Ackermann, Koppenhöfer und Esser (v. l.)
%[M]DDP,DPA,mm.de
Der Kampf begann schon vor dem Prozess: Ackermann, Koppenhöfer und Esser (v. l.)
Binz: Ihre Verteidiger haben das in diesen Fällen übliche "Feuerwerk" abgeschossen und damit nach außen die Staatsanwälte zwangsläufig als "passiv" oder "blass", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb, erscheinen lassen. Warten wir doch erst einmal die Beweisaufnahme ab!

mm.de: In vielen Medien findet sich die Einschätzung, die Angeklagten hätten das Gericht herabgewürdigt. Wie sehen Sie das?

Binz: Leider hatte Herr Ackermann auch insoweit keinen guten Tag, als er vor Gericht einen Satz sagte, den manche Zeitungen sogar zur Schlagzeile kürten: "Deutschland ist das einzige Land, wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen." Allein das Wort "deswegen" zeigt, dass er oder seine Berater offenbar immer noch nicht verstanden haben oder verstehen wollen, worum es in dem Verfahren eigentlich geht.

Der Satz beinhaltet im Übrigen den Vorwurf der Rechtsbeugung durch die Strafkammer sowie den Vorwurf der vorsätzlichen Verfolgung Unschuldiger durch die Staatsanwaltschaft. Eine schwere Kränkung, die bereits Roland Berger verbreitet hatte, indem er behauptete, das Verfahren habe einen "eindeutigen politischen Hintergrund". So sollte man nicht über unseren Rechtsstaat und seine unabhängige "Recht sprechende Gewalt" reden, auf die wir - nicht nur historisch betrachtet - stolz sein können.

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