Freitag, 26. August 2016

Wertewandel Die Formel heißt Luxese

Immer mehr Freizeit, immer weniger Geld: Die Deutschen reagieren mit einer Mischung aus Luxus und Askese. Wie der Müßiggang der Zukunft aussieht, zeigen die Freizeitforscher der British American Tobacco auf - und wie sich die Wirtschaft darauf einstellen sollte.

"Kultivierter Müßiggang ist
der Menschheit höchstes Ziel."
Oscar Wilde

Hamburg - Gerhard Schröder gibt den Pantoffelhelden. Man sieht ihn beim Heckeschneiden, wie er im Polohemd und mit Einkaufskorb über den Markt schlurft und wie er schließlich wieder in seinem Hannoveraner Reihenhaus verschwindet. Das nennt der Kanzler Urlaub.

  Heim allein, zum Glücklichsein:  Die Schröders auf dem Weg in den Heimaturlaub
DER SPIEGEL
Heim allein, zum Glücklichsein: Die Schröders auf dem Weg in den Heimaturlaub
Ein neues Ideal von Erholung macht sich breit. Malaysia, die Seychellen, Dominikanische Republik. Noch bis vor kurzem war ein beliebtes Urlaubsritual, am ersten Arbeitstag nach der Rückkehr mit den Namen ferner Länder um sich zu werfen. Heute macht der Kalauer von "Balkonien" die Runde. Die Deutschen, als Reisevolk berühmt wie berüchtigt, bleiben zu Hause. Da ist es doch auch schön.

Was tun mit all der freien Zeit? Die Frage stellt sich nicht nur im Urlaub. Deutsche Beschäftigte arbeiten pro Jahr 250 Stunden weniger als noch vor zwei Dekaden - ganze Industriezweige leben vom Zeitüberfluss.

Das betrifft nicht allein Freizeitparks, Medien und Hersteller von Unterhaltungselektronik. Seit es einen Unterschied gibt zwischen Shoppen und Einkaufen, seit also der Erwerb von Gütern zum Selbstzweck wurde, seitdem ist fast jeder Wirtschaftszweig vom Freizeitverhalten abhängig, zumindest indirekt.

Die Angst vorm sparenden Bürger

So erklärt sich die gegenwärtige Angst vor dem sparsamen Bürger. Sparen - was bei den öffentlichen Kassen gemeinhin als einziger Ausweg gilt - ist beim Privatmann zum Schreckgespenst der Unternehmer geworden. Konsumzurückhaltung nennen das Volkswirte zurückhaltend. Jeder schaut erst in die eigene Tasche, bevor er den Blick über die Regale schweifen lässt.

"In der Freizeit wird als Letztes gespart."
BAT-Freizeitforscher Ulrich Reinhardt
Immerhin, der Blick ist nicht so enttäuschend, wie die allgemeine Stimmung suggeriert. "Das frei verfügbare Einkommen liegt bei etwa 54 Prozent", stellt Ulrich Reinhardt (32) fest, wissenschaftlicher Referent am Hamburger Freizeit-Forschungsinstitut der British American Tobacco (BAT).

Mehr als die Hälfte des Salärs ist noch übrig, wenn alle laufenden Kosten bezahlt sind. Der Wert ist in den vergangenen 40 Jahren langsam, aber beständig um acht Prozent gewachsen. Das sollte die Wirtschaft positiv stimmen.

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