Freitag, 16. November 2018

Linde "Es ist eine gewisse Droge"

Fast ein halbes Jahrhundert stand Hans Meinhardt in den Diensten von Linde. Auf der heutigen Hauptversammlung in München nahm er Abschied von "seinem Unternehmen".

Hamburg/München - Gleich zu Beginn hatte Hans Meinhardt (72) auf seiner letzten Hauptversammlung (HV) als Aufsichtsratschef der Linde AG Börsen-Chart zeigen schon nichts mehr zu sagen. Genauer gesagt war er die erste Minute seines Abschiedsauftritts nicht zu hören, da die Saaltechniker des Internationalen Congress Centers in München (ICM) vergessen hatten, den Regler für sein Mikrofon hochzuziehen.

Hans Meinhardt: "Als Vorstandsvorsitzender können Sie nicht wie ein Beamter nur acht Stunden am Tag arbeiten."
Als Meinhardt nach der technischen Panne dann auch noch mit der falschen Rede anfing und für kurze Zeit seine Nervosität nicht verbergen konnte, drohte sein Abgang am Dienstag zur peinlichen Nummer zu werden. Doch Meinhardt rettete sich mit Routine und Selbstironie ("Herr Reitzle ist jünger als ich, der kann das besser.") über den verunglückten HV-Auftakt und fand doch noch den Dreh zu den Formalien (unter anderem Handy- und Rauchverbot).

Von da an lief alles wie geplant: Zuerst bedankte sich Meinhardt beim langjährigen Linde-Chef Gerhard Full (66), der sich auf der HV zur Wahl in den Aufsichtsrat (AR) stellte und in der ersten Reihe des Auditoriums Platz genommen hatte. Neben ihm saß Klaus-Peter Müller (58), der seinem Vorgänger auf dem Chefsessel der Commerzbank Börsen-Chart zeigen, Martin Kohlhaussen (67), nun auch als Aufsichtrat bei Linde folgt. Meinhardt sprach neben Kohlhaussen auch Henning Schulte-Noelle (60) seinen Dank aus, der seinem Nachfolger an der Spitze der Allianz Börsen-Chart zeigen, Michael Diekmann (48), nun auch den Platz im Kontrollgremium bei Linde überlässt. Die Commerzbank ist mit zehn Prozent an Linde beteiligt, die Allianz hält 12,3 Prozent der Aktien.

"Ad multos annos"

Die Ehrung von Meinhardt, dessen Vorsitz im Linde-AR Ex-Bayer-Chef Manfred Schneider (64) übernehmen wird, oblag dann Karl-Hermann Baumann (67). Der langjährige Finanzvorstand und jetzige Oberaufseher von Siemens Börsen-Chart zeigen bezeichnete Linde als "Hans Meinhardts Werk", der in seinen 48 Jahren im Dienste des Konzerns diesen geprägt habe und auf der anderen Seite von diesem geprägt worden sei. Seit seinem Einstieg in die Konzernrevision im März 1955 habe er dem 124 Jahre alten Unternehmen zwischen 1980 und 1997 als Vorstandsvorsitzender und anschließend als AR-Chef seinen Stempel aufgedrückt. Meinhardt könne daher durchaus von "seinem Unternehmen" sprechen. Baumann dankte Meinhardt für die gute Zusammenarbeit und rief ihm ein "ad multos annos" zu.

Meinhardt zeigte sich von der Laudatio, die an fast demütiger Ehrfurcht die diesjährigen Abgänge von Klaus Liesen (72) bei der Allianz und Eon Börsen-Chart zeigen sowie Berthold Leibinger (72) bei BASF Börsen-Chart zeigen deutlich übertraf, sichtbar gerührt. Er habe sich immer wohl gefühlt und Linde in der Tat als "sein Unternehmen" gesehen, weil man als Vorstandsvorsitzender "nicht wie ein Beamter nur acht Stunden am Tag" arbeiten könne. "Es ist eine gewisse Droge", so Meinhardt.

Die Kühltechnik könnte verkauft werden

Nach der gut halbstündigen Meinhardt-Ehrung goss dann aber Linde-Chef Wolfgang Reitzle (54) etwas Wasser in den Wein. Die noch bei der Bilanzvorlage vor einigen Wochen gemachte Prognose sei nicht mehr zu halten, Linde sei schlechter in das Jahr 2003 gestartet als zuvor erwartet. Reitzle machte die nicht abzusehende Besserung der wirtschaftlichen Lage sowie die aktuelle Dollar-Schwäche für die enttäuschenden Zahlen verantwortlich.

Passend zum "Ende der Ära Meinhardt" (Baumann) machte der ehemalige Automanager (BMW, Ford) klar, dass es bei der Entwicklung von Linde keine Tabus gibt. Man werde die Kältetechnik in eine rechtlich selbstständige Gesellschaft überführen und alle Optionen prüfen. Dabei sei auch ein Verkauf der Gründungssparte - immerhin wurde der Konzern am 21. Juni 1879 als "Gesellschaft für Linde's Eismaschinen" gegründet - nicht ausgeschlossen. Die Schwerpunktverlagerung in Richtung Industriegase, die heute 80 Prozent zum operativen Gewinn beitrügen, sei aber auch schon von seinen beiden Vorgängern Full und Meinhardt eingeläutet worden. Somit gab es also für Letzteren keinen Grund, doch noch wirklich sprachlos zu werden.

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