Donnerstag, 29. September 2016

Pleitewelle Die schnelle Hand der Banken

Die Banken in Deutschland sind in hohem Maße verantwortlich für die jüngsten Insolvenzen der Großunternehmen. Nach Ansicht des renommierten Wirtschaftsforschers Rüdiger Pohl ist den Instituten allerdings kein Vorwurf zu machen.

%[M]DPA;mm.de

Halle / Erfurt - Für die Zahlungsunfähigkeit von Großunternehmen sind nach Einschätzung des Direktors des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Rüdiger Pohl, vor allem die Banken verantwortlich. "Sie können es sich nicht mehr leisten, über ihre Bankkredite Unternehmensrisiken mitzutragen, die die Unternehmen eigentlich mit Eigenkapital abdecken müssten", schreibt Pohl in der "Mitteldeutschen Zeitung" aus Halle. Die Banken müssten sich dem Wettbewerb in einer globalisierten Welt stellen.

Pohl: "Den Banken bleibt kaum etwas anderes übrig"

"Man mag die Banken schelten, dass sie schlingernden Unternehmen den Kredithahn zusperren." Aber ihnen bleibe kaum etwas anderes übrig, wenn sie nicht selbst unter Ertragsdruck geraten wollten. Die Eigenkapitalbasis der deutschen Wirtschaft müsse gestärkt werden, schreibt Pohl. In den vergangenen Wochen hatten Großunternehmen wie das Bauunternehmen Holzmann, der Schreibgerätehersteller Herlitz, der Flugzeugbauer Fairchild-Dornier und der Baudienstleister Mühl AG Insolvenz angemeldet.

Pohl forderte zugleich die Politik auf, ihre Rolle zu überdenken. "Natürlich spielen Politiker gern den Unternehmensretter. Die großen Insolvenzen unserer Tage zeigen, wohin dies führt."

Die Welle von Insolvenzen ist laut Pohl auch ein untrügliches Zeichen für das Ende der so genannten Deutschland AG. Unter Deutschland AG verstehe man ein Netzwerk von Banken, Politikern und Industrie, das unter dem Beifall der Gewerkschaften dafür gesorgt habe, dass Großunternehmen nicht Pleite gehen. "Die Ziele sind ehrenwert (Arbeitsplätze retten), eigennützig (Kapitalverluste vermeiden) und anrüchig (ausländische Interessenten von strauchelnden Unternehmen fern halten). Das funktionierte lange gut, jetzt aber nicht mehr", so Pohl.

Zahl der Insolvenzen in Deutschland fast vervierfacht

Seit 1991 hat sich Zahl der Firmeninsolvenzen von 8837 auf heute 32.278 im vergangenen Jahr erhöht, zeigt eine Creditreform-Statistik. Für das laufende Jahr wird erneut ein starker Anstieg um etwa 25 Prozent auf 40.000 Insolvenzen erwartet.

Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung am Kieler Institut für Weltwirtschaft, sieht in der Pleitewelle allerdings keine ernsthafte Bedrohung - im Gegenteil: "Insolvenzen sind traditionell ein nachlaufender Konjunkturindikator", sagte Scheide gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Trotz der Pleitwelle ist das Vertrauen von Industrie und Konsumenten einen Wirtschaftsaufschwung gestiegen. Die von der Europäischen Kommission veröffentlichten Ergebnisse der Konjunkturumfrage für März in den EU-Mitgliedsstaaten sind "maßvoll optimistisch".

Ähnlich wie schon der Ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland zeigt das EU-Stimmungsbarometer zwar eine negative Einschätzung der aktuellen Lage - aber auch eine wachsende Zuversicht für die kommenden Monate. Die positiven Stimmen der Auswertung in allen 15 EU-Ländern nahmen im Vergleich zum Vormonat um drei Prozentpunkte zu (von -15 auf -12 Prozentpunkte).

Damit hat die Umfrage zum vierten Mal in Folge ein verbessertes Ergebnis gebracht. Das Konsumentenvertrauen stieg gleichzeitig um einen Prozentpunkt (von -8 auf -7 Punkte).

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH