Sonntag, 4. Dezember 2016

Deutsche Bank Demotivation und Frust bei den Mitarbeitern

Der Betriebsrat befürchtet bei dem Umbau der Deutschen Bank vor allem eins - dass weitere Stellen gestrichen werden. In einem offenen Brief, den wir an dieser Stelle im Wortlaut wiedergeben, prangert er an, dass die Verlagerung von Aufgabenfeldern nach London und New York die Kosten in die Höhe schnellen lässt.

Frankfurt am Main/ Januar 2002

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ungeachtet der frohen Botschaft seitens des Vorstandes möchten wir Ihnen die besten Wünsche für dieses Jahr zukommen lassen und Sie über unser Schreiben an Herrn Dr. Breuer und Dr. Ackermann informieren:

"Sehr geehrter Herr Dr. Breuer, sehr geehrter Herr Dr. Ackermann,

am Ende eines anspruchsvollen und anstrengenden Jahres haben Sie Ihren Dank gegenüber den MitarbeiterInnen nochmals besonders zum Ausdruck gebracht, indem Sie zusätzliche Arbeitsplatzreduzierungen von 2.400 Mitarbeitern verkündeten, obwohl noch kurz vor den Weihnachtsfeiertagen versichert wurde, dass über den avisierten Personalabbau von 7.100 Mitarbeitern hinaus keine weiteren Personalreduzierungen angedacht seien.

Die immensen Arbeitsleistungen der MitarbeiterInnen sollen darüber hinaus auch in der Form honoriert werden, dass den stets vom Vorstand und der Unternehmensleitung hervorgehobenen Leitungsträgern des AT-Bereiches eine "Nullrunde" bevorsteht. Das ist der Dank für den überdurchschnittlichen Arbeitseinsatz und die Mehrarbeitsleistungen bzw. die vielen tausend unvergüteten (grauen) Überstunden.

Es ist aber nicht nur die Form des Dankes an die MitabeiterInnen, sondern die Sensibilität der Übermittlung der Information, insbesondere Ihres Schreibens vom 28.12.01, wonach sich die vom Personalabbau betroffenen Kolleginnen und Kollegen bei den "HR-Abteilungen vor Ort über die individuellen Abfindungszahlungen informieren können". Ist dies nun die Einleitung der in der anglo-amerikanischen Geschäftswelt nicht unüblichen Vorgehensweise und soll damit das seit Jahren geschaffene Beschäftigungsmosaik abgelöst werden? Wo bleibt Ihr unternehmerischer Einfallsreichtum und Ihre soziale Verpflichtung?!

Sicherlich sind die aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen und das Marktumfeld nicht sehr günstig und verlangen Anpassungen und Maßnahmen, wohl aber nicht nur in der aus unserer Sicht kreativlosen Kombination von Personalreduzierung und Gehalts-Freezing.

Der insgesamt zu hohe Verwaltungsaufwand ist doch nicht ausschließlich auf Personalkosten zurückzuführen. Es sind die stetig wachsenden Sachkosten, insbesondere durch externe Beratungsgesellschaften, Outsourcingmaßnahmen, permanente kostenaufwendige Umstrukturierungen, Fehleinkäufe und nicht zuletzt auch die in einigen Bereichen verfehlte Geschäftspolitik. Eine gewichtige Rolle spielt hierbei auch die Standortfrage und die Verlagerung von Aufgabenfeldern und -bereichen an kostenintensive Standorte wie London und New York - wo die Kosten teilweise um das 3- bis 4-fache höher sind als in Deutschland.

Es wäre aber zu einfach, lediglich zu kritisieren und Fehler aufzuzeigen. Wir alle müssen uns diesen Herausforderungen stellen, und es ist ein Verdienst aller MitarbeiterInnen, dass die Deutsche Bank trotz dieses schwierigen Umfeldes noch ein stabiles Ergebnis erzielen und sich damit klar von den Nachbarbanken abgrenzen konnte. Dieses, wie Sie es selbst artikulieren "vorbildliche Meistern" der Herausforderungen kann und darf aber nicht in der von Ihnen erfolgten demotivierenden Art und Weise honoriert werden.

Die Mitarbeitermotivation ist die Basis für den Erfolg eines Unternehmens und war dies auch jahrzehntelang für die Deutsche Bank AG. Hierzu gehört eine umfassende und verantwortungsvolle Führungs- und Personalarbeit, aber auch eine entsprechende Leistungsvergütung für alle MitarbeiterInnen und nicht nur für einen engen elitären, ohnehin schon honorig vergüteten Führungskreis.

Wir und alle MitarbeiterInnen erwarten von Ihnen eine Rückkehr zu den für unser Haus bisher erfolgreichen Werten, die Einhaltung der "ungedeckelten" leistungsbezogenen Vergütung und die Zurücknahme des Gehalts-Freezing sowie eine ideenreichere und verantwortungsvolle soziale Unternehmenspolitik. So tragen auch Sie Mitverantwortung für die Erhaltung der Arbeitsplätze, indem eine verstärkte Aus- und Fortbildung der MitarbeiterInnen - auch der älteren - zu gewährleisten ist.

Das Jahr 2002 und die Folgejahre werden nur erfolgreich verlaufen, wenn die von Ihnen geforderten Stärken der MitarbeiterInnen zum Tragen kommen und nicht Angst, Demotivation und Frust in unserem Hause weiter forciert werden. Sie wissen selbst am besten, dass Arbeit nur dann Spaß macht, wenn sie gesellschaftlich und finanziell angemessen anerkannt und honoriert wird.

Das kommende Jahr wird nicht nur mit Blick auf den anstehenden Wechsel in der Vorstandsspitze richtungsweisend sein, sondern muss auch eine Rückkehr bzw. ein Neuanfang hinsichtlich der erfolgreichen Deutsche Bank Werte (Vertrauen, Loyalität, Leistung) auch in Interesse Ihrer MitarbeiterInnen sein. Dies wird nicht nur die Mitarbeiter weiter motivieren, sondern auch positive Auswirkungen auf die Kunden, Aktionäre und letztendlich den Erfolg unseres Hauses haben.

Wir Betriebsräte werden - wie bisher - unser Engagement im Sinne einer für die MitarbeiterInnen verantwortungsvollen Unternehmenspolitik einbringen und Lösungswege aufzeigen. Es wäre bedauerlich, wenn dies nunmehr nicht mehr möglich wäre und unternehmerische Vorgehensweisen dies nicht mehr zuließen.

Große Erwartungen setzen wir auf ein Umdenken sowie auch auf das in Kürze stattfindende Gespräch zwischen Ihnen und dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden.

Wir appellieren an Sie, die in den für die Deutsche Bank verbindlichen "Corporate Governance" sowie im "Code of Conduct" festgelegten Grundsätze, die die Identität unseres Hauses widerspiegeln sollen, auch tatsächlich in den Mittelpunkt Ihrer Überlegungen und Ihres Handelns zu stellen.

Verbunden mit der Erwartung auf eine positive Rückantwort verbleiben wir"

Über die weitere Entwicklung werden wir Ihnen berichten.

Mit freundlichen Grüßen Betriebsrat (Zentrale)

Rolf Vreden (BR-Vorsitzender)

M. Cristina Weber (stellv. BR-Vorsitzende)

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