Freitag, 16. November 2018

Alcatel "Kündigung auf Vorrat"

3000 protestieren in Stuttgart gegen Entlassungen. IG Metall vermutet Pläne in der Schublade.

Angeführt von dem Betriebsratsvorsitzenden Alois Süss (4.v.r) gehen 3.000 Alcatel-Angestellte auf die Straße.

Stuttgart - Zahlreiche Beschäftigte des Telekommunikationskonzerns Alcatel SEL AG Börsen-Chart zeigen haben am Dienstag in Stuttgart gegen den geplanten Arbeitsplatzabbau demonstriert. Nach Betriebsratsangaben machten bis zu 3.000 Mitarbeiter ihrem Ärger auf den Vorstand Luft. Fast jeder zehnte der heute 9.000 Jobs bei Alcatel SEL soll bis Juni 2002 gestrichen werden. Zeitgleich demonstrierten nach Angaben der IG Metall Alcatel-Beschäftigte in Berlin, in Italien, Spanien und Frankreich. In Europa will der französische Konzern 10.000 Stellen streichen. Der Betriebsratsvorsitzende Alois Süss nannte die Demonstration in Stuttgart die größte, die er seit Jahren erlebt habe.

IG Metall fürchtet "Nachschlag" im kommenden Jahr

Sprecher der IG Metall äußerten die Befürchtung, dass der in der vergangenen Woche angekündigte Wegfall von 800 bis 850 Stellen in Stuttgart, Berlin und im bayerischen Gunzenhausen nur der Anfang sei. Ein "Nachschlag" im 2. Halbjahr sei nicht auszuschließen. Empört zeigte sich Süss vor den Mitarbeitern darüber, dass die deutsche Alcatel trotz eines erfolgreichen Geschäftsjahres auf Vorrat Arbeitsplätze abbauen solle. "Wir fordern unseren Vorstandsvorsitzenden Andreas Bernhardt auf, in Paris für die Arbeitsplätze zu kämpfen", sagte Süss. Der 2. Bevollmächtigte der IG Metall, Hans Baur, nannten die deutschen Vorstände Erfüllungsgehilfen der Zentrale in Paris. Vorstandschef Bernhardt hatte dagegen erklärt, mit den Kündigungen "frühzeitig auf ein schwieriges Jahr 2002 reagieren".

Weltweit soll jede dritte Stelle gestrichen werden

Der Acatel-Konzern hat angekündigt, ein Drittel der mehr als 100.000 Arbeitsplätze weltweit zu streichen. In Deutschland wolle man mit dem geplanten Personalabbau den gedämpften Erwartungen der Telekommunikationsbranche für die nächsten jahre frühzeitig Rechnung tragen, hatte Bernhardt angekündigt.

Vorstandschef sagt düstere Zukunft voraus

Alcatel Vorstandschef Serge Tchuruk nennt als wichtigste Gründe für die Talfahrt, die die Branche ergriffen habe, vor allem der Einbruch in den USA und die Mobiltelefon-Krise. Für das gesamte Geschäftsjahr 2001 rechnet Tchuruk nunmehr mit einem Verlust von rund fünf Milliarden Euro. "2002 wird auch schwierig werden, besonders im ersten Quartal." Auch mittelfristig stehe keine Verbesserung in Aussicht.

Gewinn: Von einer knappen Plus-Milliarde auf ein viermal größeres Minus

In den ersten neun Monaten belief sich der Nettoverlust von Alcatel auf 3,47 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren noch 898 Millionen Euro Gewinn ausgewiesen worden. Im dritten Quartal fiel ein Nettoverlust von 558 Millionen Euro an, nach plus 297 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz sank um 18 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro.

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