Dienstag, 20. November 2018

Jugoslawien Milosevic droht mit Blutbad

Die gewaltsame Festnahme von Slobodan Milosevic ist vorerst gescheitert. Der Ex-Diktator hat sich mit schwer bewaffneten Gefolgsleuten in seiner Residenz verschanzt. Die Lage in Belgrad ist explosiv.

Jubel statt Festnahme: In der Nacht zeigt sich Milosevic am Fenster seiner Residenz den Anhängern

Belgrad - Bewaffnete Anhänger des jugoslawischen Expräsidenten haben die Verhaftung von Slobodan Milosevic mit Schüssen auf die Sicherheitskräfte am Samstag zunächst verhindert. Der serbische Innenminister Dusan Mihajlovic erklärte auf einer Pressekonferenz, angesichts des Feuers vor Milosevics Belgrader Villa habe die Polizei den Festnahmeversuch abgebrochen: "Wenn wir Gewalt angewendet hätten, hätte es Opfer gegeben." Das Gelände wurde vorübergehend abgeriegelt, neue Versuche zur Erstürmung seien möglich, hieß es.

"Ein Haufen Trunkenbolde wird uns nicht abhalten"

Milosevic habe es in Verhandlungen erneut abgelehnt, sich zu ergeben, hieß es weiter. Der ehemalige jugoslawische Staatschef sagte laut Mihajlovic, er werde sich "nicht lebend ins Gefängnis" bringen lassen. In Milosevics Belgrader Villa haben sich nach Informationen der Polizei mehrere bewaffnete Männer verschanzt, die mit Handgranaten, Raketenwerfern und Maschinengewehren ausgerüstet sind.

Dennoch werde die Regierung ihren Auftrag erfüllen und Milosevic festnehmen, sagte Mihajlovic: "Entweder er wird freiwillig vor den Richter treten, oder wir werden ihn dazu zwingen. Ein Haufen Trunkenbolde wird uns nicht davon abhalten."

Amtsmissbrauch und Korruption

Will sich nicht lebend stellen: Slobodan Milosevic
DPA
Will sich nicht lebend stellen: Slobodan Milosevic
Das Innenministerium will Milosevic nicht an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausliefern, sondern ihn in Jugoslawien vor Gericht stellen, wie Mihajlovic weiter sagte. Am Freitag sei nach dem jugoslawischen Recht Anklage gegen Milosevic erhoben worden. Nach Informationen aus Polizeikreisen werden dem einstigen Machthaber in dem Strafbefehl Amtsmissbrauch und Korruption vorgeworfen.

Das staatliche Fernsehen hatte bereits am Freitagabend berichtet, Milosevic sei verhaftet worden. Dieser erschien jedoch nach Mitternacht am Tor seiner Villa und winkte etwa 200 Anhängern zu, die sich vor seinem Haus versammelt hatten, um ihn zu schützen. Kurz danach sagte er dem Rundfunksender B-92 per Telefon: "Ich erwarte, dass diese Geschichte auf gerechte Weise und zum Wohl unseres Volkes beendet wird." Vermutlich halten sich auch Milosevics Frau Mirjana Markovic und ihre Tochter Marija in der Villa auf.

Schüsse und Rauchgranaten in der Nacht

Schweres Geschütz: Polizei belagert Milosevics Villa
AP
Schweres Geschütz: Polizei belagert Milosevics Villa
In der Nacht spitzte sich die Situation dramatisch zu: Gegen drei MESZ bahnten sich die Einsatzkräfte einen Weg durch die Menge. Die Villa war zu diesem Zeitpunkt komplett abgedunkelt. Die Polizisten drangen durch das Tor über den Hof zur Villa vor. Dabei wurden Schüsse und Rauchgranaten abgefeuert. Auch aus dem Haus drangen Schüsse. Mindestens zwei Personen wurden verletzt.

USA drohen mit Einstellung der Finanzhilfe

Die USA haben Jugoslawien eine Frist bis zum 31. März gesetzt und Finanzhilfen im Wert von mindestens 50 Millionen Dollar an eine Kooperation mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag geknüpft. Außerdem droht Belgrad der Verlust amerikanischer Unterstützung im Internationalen Währungsfonds (IWF) und bei der Weltbank. Die USA haben angedeutet, dass Milosevics Festnahme bis Ende März für den Erhalt der Finanzhilfe ausreiche. Das Haager Tribunal hat 1999 wegen der Kriege auf dem Balkan Anklage gegen Milosevic wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben.

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