Freitag, 15. Dezember 2017

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Kfz-Versicherung Warum Autofahrer jetzt über einen Wechsel nachdenken sollten

Ausdruck eines Kfz-Vergleichsportals

Treue zahlt sich aus? In der Kfz-Versicherung eher nicht. So funktioniert der Wechsel.

Die Wechselsaison für Autoversicherungen läuft: Wer im kommenden Jahr bei einem anderen Anbieter unter Vertrag sein will, muss bis Ende November seinen Versicherer kündigen. Nach Angaben des Verbraucherportals Finanztip lassen sich bei einem Neuabschluss "mitunter mehrere Hundert Euro sparen". Doch auf der Suche nach der günstigsten Versicherung können Kunden böse Überraschungen erleben. Ein Beispiel aus der Praxis.

Konrad K., seit gut zwei Jahren stolzer Besitzer eines 120-PS-starken - wie er selber sagt - "Windelbombers", nahm den Erwerb seines Citroën Berlingo Diesel zum Anlass, die Konditionen der alten Kfz-Versicherung zu überprüfen. Der alte Vertrag stammte noch von einem Makler aus dem Bekanntenkreis. Die neue Assekuranz sollte vor allem eines sein: besonders günstig.

K. suchte einen Vollkaskotarif, die Option "freie Werkstattwahl" wählte er ab - "das senkt den Beitrag", so K. Seine Wünsche gab er bei check24.de ein, einem Vergleichsportal für Versicherungen. Als billigsten Anbieter ermittelte dieses eine Direktversicherung.

Unter dem Strich sollte K. 200 Euro weniger pro Jahr zahlen als bei seiner alten Assekuranz, bei nahezu vergleichbaren Konditionen. Weil K. den Anbieter nicht kannte, recherchierte er die Seriosität der Versicherung. Negative Erfahrungen fand er keine. Also schloss er für einen Jahresbeitrag von 736 Euro ab.

Plötzlich wurde es teurer

Die Freude über die Ersparnis währte genau zwei Jahre. Im ersten Jahr stieg der Beitrag um gut 80 Euro. K. erklärte sich den Preisanstieg mit einer Veränderung in den Regionalklassen. Diese bilden die Schadensbilanz einer Region ab. Versicherer nutzen die Regionalklassen (neben den Typenklassen) als eines von vielen Tarifmerkmalen, um den Beitrag der Kfz-Versicherung zu berechnen.

Im September flatterte dann erneut ein Brief der Versicherung ins Haus. Der Inhalt: unerfreulich. Zum zweiten Mal kündigte die Versicherung eine Tariferhöhung an - diesmal um mehr als 100 Euro. Insgesamt sollte sich der Beitrag für Familie K. nun auf rund 926 Euro belaufen. Eine Erklärung dafür blieb das Unternehmen schuldig. Die Ersparnis - und damit der Grund für den Versicherungswechsel vor zwei Jahren - war weg.

K.s Frau, verärgert über den neuen Beitrag, rief bei der Hotline der Versicherung an. Die Dame im Callcenter begründete die nun höheren Kosten mit einem gestiegenen Verwaltungsaufwand. Als K.s Frau sich über den neuen Tarif beklagte, unterbreitete die Dame am anderen Ende der Leitung ihr überraschend ein Angebot: Sie empfahl, sich in den eigenen Account einzuloggen und den Vertrag mit den günstigeren Konditionen für Neukunden abzuschließen. Familie K. war erzürnt über das Geschäftsgebaren. Sie glaubte, beim Abschluss vor zwei Jahren einem Lockangebot aufgesessen zu sein und kündigte. "Wenn die so mit der Wahrheit umgehen, dann ist das nicht unsere Versicherung", so K.

Er wechselte erneut zu einem Direktversicherer, verließ sich dabei nun weniger auf ein Vergleichsportal als vielmehr auf den guten Namen des neuen Anbieters.

"Neukundenpreise sind Kampfpreise"

Annika Krempel, Versicherungsexpertin des Verbraucherportals Finanztip, kennt nahezu alle Tricks der Versicherer - auch den, der Familie K. so wütend gemacht hat. "Es gibt bei fast allen Versicherungen einen Unterschied zwischen Neukundenpreis und Bestandskundenpreis", sagt sie. "Die Neukundenpreise sind Kampfpreise."

Auf dem Versicherungsmarkt herrsche gewaltige Konkurrenz, von der die Kunden im Prinzip profitieren. Man müsse sich nur die Mühe machen, regelmäßig die bestehenden Konditionen zu überprüfen, um dann entweder die Versicherung zu wechseln oder mit dem bestehenden Vertragspartner neu zu verhandeln. Doch einen Überblick über die vielen Tarife zu bekommen, ist nicht immer leicht.

"In den vergangenen Jahren wurde es für die Kunden etwas unübersichtlich bei den Kfz-Versicherungen", so Krempel. Einige der Anbieter hätten sich aus den Vergleichsportalen zurückgezogen, weil sie die Provisionen scheuen und lieber auf ihre starke Marke setzen - beispielsweise die Hannoversche Direkt oder die Huk24.

Krempel empfiehlt einen Versicherungsvergleich auf Portalen wie Check24 oder Verivox anzustellen, um dann noch zusätzlich die Konditionen bei mindestens einem großen Direktversicherer zu prüfen, der nicht auf dem Portal vertreten ist. Das sei mühsam, gibt sie zu - doch letztlich ließen sich nur so teure Policen verhindern.

Die Versicherungen setzen vor allem auf die Bequemlichkeit ihrer Kunden, sagt Krempel. Ist man erst einmal unter Vertrag, bleibt man - trotz Preiserhöhungen - oft ein Leben lang. Eine Finanztip-Umfrage in den Monaten Juli und August bestätigt diese Behauptung: Demnach hat jeder dritte Autobesitzer noch nie seine Kfz-Versicherung gewechselt. Bis zum 30. November ist jetzt noch Zeit.

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