Mittwoch, 24. Mai 2017

Roms "ATAC" - 600 Busse und Milliarden Euro verschwunden Das verlotterteste Unternehmen Europas

Schlimmer geht immer: Das römische Verkehrsunternehmen ATAC zeichnet sich durch minimale Sauberkeit, rekordverdächtige Unpünktlichkeit und Milliardenlöcher im Etat aus

Fast 600 Busse existieren nur auf dem Papier, Gewerkschafter sammeln 111.000 Freistunden, und Milliarden Euro verschwinden im Nichts. Die römischen Verkehrsbetriebe sind kaum zu sanieren - ein neuer Chef versucht es trotzdem.

Es mag in entlegenen Winkeln der Welt Firmen geben, bei denen es noch schlimmer zugeht. Für Europa ist das kaum vorstellbar. Das römische Verkehrsunternehmen "Azienda Tranvie ed Autobus del Comune di Roma", kurz ATAC, betreibt Busse und Bahnen, die sich durch minimale Sauberkeit und rekordverdächtige Unpünktlichkeit über viele Jahre einen Namen erarbeitet haben.

ATAC plant und überwacht zudem, als "Verkehrsagentur der Stadt Rom", so gut wie alles, was sich in der italienischen Hauptstadt bewegt. Vermutlich herrscht deshalb dort so häufig Chaos.

Wenn es regnet, zum Beispiel, bleiben die U-Bahn gern stehen, weil sie schnell überflutet sind. Wer hätte auch wissen sollen, dass Wasser gerne nach unten läuft?

Die Busse kommen, auch wenn die Sonne scheint, nur sehr selten halbwegs pünktlich. Dafür halten dann oft gleich mehrere hintereinander. Alle sind schmutzig, im Sommer kochend heiß, im Winter schön frostig und zu jeder Jahreszeit Arbeitsort vieler Taschendiebe. Kein Wunder, dass die meisten Kunden deshalb ohne Ticket fahren.

Nur macht der Laden so natürlich ständig Verluste. 1,5 Milliarden Euro Schulden sind schon zusammengekommen.

Vermisst: 600 Busse und vier Milliarden Euro

Seit Februar hat die Firma nun einen neuen Generaldirektor, Marco Rettighieri. Er will sich nicht nur als Saubermann profilieren, er spricht auch Dinge aus, die bisher tabu waren.

Von 1980 ATAC-Fahrzeugen, die auf dem Papier vorhanden sind, so der neue Chef, existierten nur 1410 tatsächlich. Wo die übrigen geblieben sind, weiß offenbar keiner. Ganz ungeniert sagt Rettighieri auch, dass die Busse im Schnitt zehn Jahre alt sind und etliche Millionen Kilometer römische Straßen hinter sich haben - und dass sie einen wahnsinnigen Reifenverbrauch haben.

Gut, der hat sich seit seinem Dienstantritt schon um zwei Drittel reduziert. Statt, wie üblich, 1500 Reifen, seien in diesem Jahr in gleicher Zeit nur 500 nötig gewesen. Und das offenbar nur, weil er jetzt die Belege sehen will. Dass der Reifenlieferant einem "zeitweilig freigestellten" ATAC-Mitarbeiter gehört, will der neue Chef auch nicht länger hinnehmen.

Die alteingesessene Führungselite im römischen Musterbetrieb reibt sich die Augen. Kleinkariert sei der neue Boss. Aufgeregt hat der sich auch darüber, dass ATAC in den vergangenen fünf Jahren insgesamt vier Milliarden Euro ausgegeben hat, darunter EU-Gelder aus Brüssel.

Wofür eigentlich die EU-Gelder ausgegeben wurden, weiß heute niemand mehr. Ja, warum auch? Weg ist weg.

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