Samstag, 17. November 2018

Deutsche Bank Mitchell als Integrationsfigur schwer zu ersetzen

Edson Mitchell spielte eine zentrale Rolle in den Zukunftsplänen der Deutschen Bank. Nun ist der Investment-Guru tot. Die Karten im Vorstand der Deutschen Bank werden neu gemischt.

Edson Mitchell
Edson Mitchell

Frankfurt am Main - Der Tod von Vorstandsmitglied Edson Mitchell wird Analysten zufolge bei der Deutschen Bank in den nächsten Monaten zwar für Unsicherheit sorgen, die Strategie der Bank langfristig aber kaum beeinträchtigen.

Ohne die Integrationsfigur Mitchell jedoch könnten andere Banken jetzt leichter Händler-Teams der Deutschen Bank abwerben, sagten Analysten. Zudem wäre Mitchell im Zuge der anstehenden Konzern-Umstrukturierung zum zweitwichtigsten Manager der Bank aufgestiegen und sei unmittelbar kaum zu ersetzen.

Die Deutsche Bank beteuerte jedoch, dass die von Mitchell in den vergangenen Jahren mitgeprägte Strategie im Investmentbanking weitergeführt werde. Ein Sprecher der Bank betonte am Mittwoch, die Umstrukturierungspläne würden sich - entgegen der Befürchtungen vieler Analysten - nicht verzögern.

Der US-Amerikaner Mitchell war seit Juni gemeinsam mit Josef Ackermann, der Bankchef Rolf Breuer 2002 ablösen soll, für das Investmentbanking im Vorstand verantwortlich. Ackermann werde zunächst den Bereich Globale Unternehmen und Institutionen (GCI) alleine führen, teilte die Deutsche Bank mit.

In den ersten neuen Monaten 2000 hatte GCI einen Gewinn vor Steuern von 3,21 Milliarden Euro erwirtschaftet und damit knapp 55 Prozent zum Vorsteuergewinns des Konzerns beigetragen.

Für Mitchell ist nach Einschätzung von Fondsmanagern und Analysten kurzfristig kaum gleichwertiger Ersatz zu finden. "Das ist ein herber Schlag für die Deutsche Bank, insbesondere mit Blick auf die verabschiedete Umstrukturierung", sagte Dirk Bartsch, Finanzanalyst bei der Fondsgesellschaft Deutscher Investment Trust (DIT).

Anfang Dezember hatte die Deutsche Bank angekündigt, ihre bisherigen fünf Unternehmensbereiche ab Februar 2001 zu den zwei Bereichen "Unternehmen und Institutionelle Kunden" sowie "Vermögensverwaltung und Privatkunden" zusammenzufassen. Als nahezu sicher galt, dass Mitchell und sein Vorstandskollege Michael Philipp an die Spitze der zwei Bereiche rücken würden.

"Es stellt sich jetzt die Frage, ob die Position Ackermanns im Vorstand geschwächt wird, da seine Strategie klar auf Mitchell und Philipp zugeschnitten war", sagte Bartsch.

Ein anderer Analyst erwartet, dass es in den Handelsräumen der Deutschen Bank in den nächsten Wochen Unruhe geben wird. "Mitchell galt als Guru und Integrationsfigur bei den Händlern. Jetzt ist es für Wettbewerber leichter, Personal abzuwerben", sagte der Analyst.

Unter der Leitung Mitchells wurde der Bereich Global Markets zu einem der erfolgreichsten und profitabelsten Unternehmensbereiche ausgebaut. Vor allem im Handel mit Schuldtiteln, Derivaten und Devisen war die Deutsche Bank unter Mitchells Führung erfolgreich.

Viele Analysten halten es für möglich, dass der 1995 gemeinsam mit Mitchell von Merrill Lynch zur Deutschen Bank gewechselte Philipp an dessen Stelle das globale Investment-Banking übernehmen wird. Steffen Burat, Fondsmanager bei Helaba Invest, rechnet nicht mit nachhaltigen Problemen bei der Deutschen Bank. "Mitchells Tod ist tragisch für das Unternehmen und seine Kollegen. Die Strategie der Bank wird der Verlust aber nicht belasten."

Der 47-Jährige Mitchell war auf dem Weg in den Weihnachtsurlaub zwei Tage vor Heiligabend beim Absturz seines Kleinflugzeuges im US-Bundesstaat Maine getötet worden.

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