Samstag, 28. Mai 2016

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Interviews als Unternehmens-Risiko Wie sich der Kommunikations-GAU verhindern lässt

"Sprache ist die Wirklichkeit des Denkens", sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal. Recht hatte er. Ob den VW-Verantwortlichen das beim verunglückten Interview ihres Vorstandschefs Matthias Müller auch in den Sinn gekommen ist? Der Patzer könnte das Unternehmen teuer zu stehen kommen - und zeigt einmal mehr, wie eng Recht und Kommunikation beieinanderliegen. Wer eins ohne das andere denkt, begeht einen schlimmen Fehler.

Der Aufschrei war gewaltig: "Zieht er seinen Kopf mithilfe cleverer Anwälte doch noch aus der Schlinge?", fragte eine Berliner Boulevardzeitung aufgeregt. Wir schreiben das Jahr 2008, Klaus Zumwinkel ist gerade festgenommen worden. Deutschland debattiert über seine bis dato größte Steueraffäre, für den Ex-Postchef steht alles auf dem Spiel: seine Freiheit, sein Vermögen, sein Ruf.

Was jetzt passiert, zeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn Juristen die öffentliche Wirkung ihrer Worte falsch einschätzen. Zumwinkels Anwälte blasen zum Gegenangriff. Sie behaupten, die Steuer-CD sei strafrechtlich nicht verwertbar - sie sei gestohlen, der ankaufende Staat ein Hehler. Juristisch nachvollziehbar, kommunikativ der Gau. Die Folge: Ein Sturm der Entrüstung zieht durchs Land, die Zeitungen schießen sich auf Zumwinkel ein: "Lange scheint sich der Ex-Postchef mit Gewissensbissen nicht aufzuhalten."

Martin Wohlrabe
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    Consilium Rechtskommunikation
    Martin Wohlrabe ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer von CONSILIUM Rechts-kommunikation. Die Gesellschaft berät bei allen kommunikativen Herausforderungen im juristischen Umfeld. Wohlrabe arbeitete zuvor viele Jahre als Journalist und im Bundestag. Er ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft "Kanzleimanagement" des Deutschen Anwaltsvereins. www.consilium-rechtskommunikation.de
Die Wirkung der Steueraffäre in der Öffentlichkeit ist jetzt noch fataler als ohnehin schon: Da steht einer im Dienst eines Unternehmens, an dem der Staat erhebliche Anteile besitzt, betrügt diesen um Millionen - und versucht sich dann noch, sich mit windigen Argumenten aus der Affäre zu ziehen. Selbst wenn Zumwinkel juristisch davon gekommen wäre, sein Ruf ist spätestens ab diesem Zeitpunkt endgültig ruiniert.

So kann es gehen, wenn die öffentliche Wirkung juristischer Argumente falsch kalkuliert wird. Gefahren werden unterschätzt, Schlüsse fehlerhaft gezogen und die Krise dadurch häufig noch verschlimmert. Die Lösung in solchen Ausnahmesituationen: ein Team aus Juristen und Kommunikationsexperten, die einander auf Augenhöhe begegnen.

Nur gemeinsam können sie derart komplexe Herausforderungen bewältigen. Unbedingt notwendig dabei ist, dass die Kommunikatoren einen belastbaren juristischen Background besitzen. Denn auch andersherum kann viel Unglück geschehen - dann nämlich, wenn Medienberater das Juristische sträflich außer Acht lassen.

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