Sonntag, 24. Juli 2016

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Müllers Memo Die Dollar-Wende

US-Dollar: Allen Warnungen zum Trotz haben sich viele Länder rund um den Globus von den extrem niedrigen US-Zinsen verführen lassen und Schulden lieber in Dollar als in nationaler Währung aufgenommen. Das dürfte sich rächen

Kommende Woche dürfte die US-Notenbank Fed erstmals seit neun Jahren die Zinsen anheben. Insbesondere die Schwellenländer zittern vor der Entscheidung. Zeit, das globale Währungssystem auf eine neue Grundlage zu stellen.

Eigentlich ist alles klar: Amerikas Wirtschaft brummt. Deshalb muss die US-Notenbank endlich beginnen, die Zinsen nach oben zu schleusen. Am Mittwoch dürfte der Gouverneursrat der Federal Reserve Bank die lange erwartete Zinserhöhung beschließen. Es wäre das Ende einer Ära: Seit Dezember 2008 liegt der US-Leitzins nahe Null; zuletzt hat die Fed 2006 die Zinsen erhöht.

Es klingt wie ein natürlicher Vorgang: Die Wirtschaft hat die lange Krise hinter sich gelassen. Nun folgt die Politik: Allmählich fährt der Fiskus das Haushaltsdefizit zurück; allmählich hebt die Notenbank den Leitzins an. Zurück zur Normalität, endlich?

Tatsächlich ist die Sache komplizierter.

Die Fed ist nicht nur die Notenbank der USA, sie managt auch die wichtigste Währung der Welt, den Dollar. Und da die halbe Welt den Dollar für die Finanzierung nutzt, hat die Entscheidung der Washingtoner Zentralbanker um Chefin Janet Yellen Auswirkungen rund um den Erdball. Formal mögen sie lediglich für die USA zuständig sein. Tatsächlich sind sie so etwas wie die Weltwährungshüter. Was zeigt, dass das globale Währungssystem dringend reformbedürftig ist.

Zur Person
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Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Yellens Vorgänger Ben Bernanke hat bereits im Frühjahr 2013 die Erfahrung gemacht, dass Fed-Chef-Worte die Weltwirtschaft erzittern lassen können. Damals genügte es in Aussicht zu stellen, die Fed werde ihre Anleihekäufe allmählich zurückfahren, um die Finanzmärkte rund um den Globus in Aufruhr zu versetzen. In den Schwellenländern schossen die Zinsen in die Höhe, Aktien- und Wechselkurse stürzten ab. Erschrocken zuckte die Fed zurück und verschob ihre Aktion zunächst - obwohl sie angesichts der Lage der US-Wirtschaft eigentlich angezeigt gewesen wäre.

Seither ist eine Menge passiert - in den USA, aber auch in den Schwellenländern. Durch das immer noch sehr billige Geld ist die US-Konjunktur ordentlich in Fahrt gekommen. Die Arbeitslosenquote ist niedrig; kommendes Jahr wird sie nach OECD-Prognosen unter 5 Prozent liegen. Die verfügbaren Einkommen steigen kräftig, um mehr als 3 Prozent in diesem Jahr. Das stützt die Konsumnachfrage. Die Volkswirtschaft nähert sich allmählich dem Zustand der Vollauslastung.

Nach üblichen nationalen Maßstäben ist es also hohe Zeit, die Zinsen auf Normalniveau zu hieven. Auch wenn die Verbraucherpreise derzeit - dank des weltweit sehr billigen Öls - kaum steigen: Einige Preise haben längst angezogen, nämlich an den Börsen und den Immobilienmärkten. Deutliches Anzeichen irrationalen Überschwangs: US-Anleger verschulden sich wieder kräftig, um mit geliehenem Geld Aktien zu kaufen.

Rund 200 Milliarden Dollar stehen derzeit aus. "Rekordhöhen, die seit dem Dot-Com-Crash vor mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen wurden", rechnet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor. Auch ein Bauboom zeichnet sich ab: Die Wohnungsbauinvestitionen sollen nach OECD-Vorhersage ab kommendem Jahr um als 10 Prozent zulegen.

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