Freitag, 16. November 2018

US-Wahl Die nächste Runde ist eröffnet

Al Gore will eine Nachzählung vor Gericht durchsetzen. Sein Gegner Bush hat sich bereit zum Sieger erklärt - wenn auch etwas unsicher.

Washington - Die Demokraten von US-Vizepräsident Al Gore haben das Ergebnis offiziell angefochten. Gores Anwälte reichten bei einem Gericht in Leon County in der Hauptstadt Tallahassee einen entsprechenden Schriftsatz ein. Dabei geht es um die drei Wahlbezirke Miami-Dade, Palm Beach und Nassau.

Die Demokraten wollen erreichen, dass insgesamt allein in Miami-Dade 10.000 strittige Wahlzettel doch noch geprüft, zumindest aber Gore die bei der Handauszählung bereits hinzu gewonnenen 157 Stimmen zuerkannt werden.

Die anderen Bezirke konnten die Frist für die Handauszählung nicht einhalten und meldeten deshalb wieder das erste Ergebnis. Darauf hin erklärte sich Bush am Sonntag zum Sieger.

Bush wirkte unsicher

Es ist nicht einfach, sich selber zum Gewinner zu erklären, wenn der Gegner die Niederlage nicht eingestehen will, und das auch noch in staatsmännischer Form.

Die Fernsehrede des Republikaners an die Nation am Sonntagabend war sorgfältig formuliert und inszeniert und trug doch alle Zeichen der Unsicherheit der ganzen politischen Lage. Das huschende Lächeln, die kurzatmige Redeweise, die zwinkernden Augen sind dem 54-jährigen texanischen Gouverneur ohnehin zu eigen.

Ganz Staatsmann: George W. Bush
AP
Ganz Staatsmann: George W. Bush
Dieses Mal kam die Doppelbotschaft hinzu: Einerseits musste er einigend erscheinen, die Gegensätze zwischen Demokaten und Republikanern nach den bösen Auseinandersetzungen der letzten Wochen glätten. Andererseits musste er entschlossen genug seinen Machtanspruch deutlich machen.

Werben um das Vertrauen

Vorsichtig suchte er seinen Weg ins Vertrauen der Amerikaner, die ihm in ihrer Mehrheit die Stimme verweigert haben.

Der Rahmen trug den unklaren Verhältnissen Rechnung. Keine strahlend beleuchtete Bühne war für den Sieger gerichtet. Bush trat in einer eher intimen Szenerie in seiner Dienstvilla in der texanischen Hauptstadt Austin auf. Zwei amerikanische Flaggen zu seiner Rechten und Linken, dunkler Anzug und gedeckter blauer Schlips betonten den Ernst des Anlasses.

Umso auffälliger jener Strauß gelber Rosen, der für einen hellen Tupfer in der sehr formalen Szene sorgte. Eine werbende Geste des Politikers an das amerikanische Volk vielleicht, Bush in der Rolle des Rosenkavaliers?

Lieber Kumpel als Staatsmann

Eigentlich liegt ihm eher die Rolle des Kumpels. Er liebt das Landleben auf seiner Ranch, die ihm auch während der nervenaufreibenden Tage seit der Wahlnacht als entlegenes Refugium ohne Satelliten- und Kabelfernsehanschlüsse diente. Hier ist er ganz "Doubleyou", wie Anhänger ihn liebevoll wegen der Mittelinitiale "W" nennen.

Im Wahlkampf hatte er immer wieder mit dem Vorwurf zu tun, er sei ein politisches und intellektuelles Leichtgewicht. Dabei hat der am 6. Juli 1946 geborene George Walker Bush, dessen Bruder Jeb Gouverneur von Florida ist, die Elite-Universitäten Yale und Harvard besucht. Doch peinliche Versprecher, das Durcheinanderwerfen von Zahlen und Fakten leiteten seinen Kritikern Wasser auf die Mühlen. Als größtes Manko gilt das Fehlen jeglicher Erfahrung in der Außenpolitik.

Nach dem Studium folgten einige Jahre in der texanischen Ölindustrie und Alkoholprobleme, die Bush nach eigenen Angaben im Alter von 40 überwand. Später kaufte er sich beim Baseballteam "Texas Rangers" ein und wurde dessen Geschäftsführer.

1994 gelang ihm überraschend der Sieg bei der texanischen Gouverneurswahl - unter anderem mit dem Versprechen, härter gegen Kriminelle durchzugreifen. Unter Bushs Führung wurde Texas zum US-Staat mit den häufigsten Hinrichtungen. Seine Wiederwahl mit sensationellen 68,6 Prozent 1998 war das Sprungbrett zur Präsidentschaftskandidatur.

Im Wahlkampf ist Bush als "Konservativer mit Herz" angetreten und hat sich um Distanz zur äußersten Parteirechten bemüht. Er ist mit der Bibliothekarin Laura Welch verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Zwillingstöchtern.

Gore verlangt erneut Berücksichtigung aller Stimmen

Während Bush sich schon als Sieger feiert, hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Al Gore am Montag erneut gefordert, dass alle Stimmen im Bundesstaat Florida für die Präsidentenwahl der USA berücksichtigt werden.

Sollte jede Stimme gezählt werden, seien leicht genügend Stimmen zu erhalten, um das bisherige Wahlergebnis zu ändern, sagte Gore in einer im Fernsehen übertragenen Telefonkonferenz mit führenden Demokraten.

Die Fraktionschefs der Demokraten in Senat und Repräsentantenhaus, Thomas Daschle und Richard Gephardt, mit denen Gore gesprochen hatte, versicherten den Vize-Präsidenten der breiten Unterstützung der demokratischen Abgeordneten im Ringen um den Wahlsieg. Al Gore legte daraufhin am Montag Einspruch gegen das Wahlergebnis ein.

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