Samstag, 30. Juli 2016

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New York Times kritisiert Amazons Arbeitsbedingungen "Ich würde solch ein Unternehmen verlassen"

Jeff Bezos: Der Amazon-Chef wandte sich per Mail an seine Mitarbeiter - in der Hoffnung, sie würden die von der New York Times beschriebenen Arbeitsbedingungen bei Amazon nicht wiedererkennen
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Jeff Bezos: Der Amazon-Chef wandte sich per Mail an seine Mitarbeiter - in der Hoffnung, sie würden die von der New York Times beschriebenen Arbeitsbedingungen bei Amazon nicht wiedererkennen

Amazon ist ein brutales Haifischbecken, bei dem jeder bis zur Selbstaufgabe arbeiten muss. Das wäre die Kurzfassung eines langen Artikels in der "New York Times", der am Wochenende ein breites Echo hervorrief. Die renommierte US-Zeitung hatte eigenen Angaben zufolge mit mehr als 100 ehemaligen und derzeitigen Amazon-Mitarbeitern gesprochen. Mehr als ein halbes Jahr hätten Autoren an der Geschichte recherchiert. Auch das Top-Management, allen voran Amazon-Chef Jeff Bezos, hätten Gelegenheit zur Stellungnahme gehabt. Allerdings reagierte Bezog nun erst nach der Veröffentlichung des Artikels, der erschreckende Details aus dem Büroalltag des weltgrößten Onlinehändlers liefert.

Die Geschichte "Inside Amazon's thrilling, bruising workplace" beschreibt einen Arbeitgeber, in der Mitarbeiter datenorientiert bis zur Selbstaufgabe arbeiten müssen - und das alles für die Zufriedenheit der Kunden. Selbst im Urlaub würden Mitarbeiter zur Performance getrieben. Wer weniger als 100 Prozent gebe, könne auch über bestimmte Informationstools von Mitarbeitern angeschwärzt werden.

Es gebe kaum jemanden, der aus einem Meeting nicht schon einmal weinend heraus gerannt wäre. Für Mitarbeiter, die in Familien schwere Erkrankungen hätten oder gar selbst krank wären, gäbe es kein Verständnis und keine Nachsicht. Frauen mit Kinderwunsch beziehungsweise Kindern hätten keine Aufstiegschancen. Manchen würde sogar ein anderer Arbeitgeber empfohlen.

Für Amazon Börsen-Chart zeigen , das um die besten Talente mit Apple Börsen-Chart zeigen , Google Börsen-Chart zeigen , Microsoft Börsen-Chart zeigen und vielen Startups konkurriert, ist der Artikel ein Image-Gau. Der Bericht der "New York Times" erinnert eher an ein amoralisch organisiertes Startup als an einen Großkonzern mit zehntausenden Mitarbeitern, der sich für seine Mitarbeiter zumindest in Ansätzen verantwortlich zeigt.

Amazon stand schon häufig in der Kritik, insbesondere wegen der Arbeitsverhältnisse in den Versandzentren. Der Bericht der "New York Times" wirft nun auch ein Schlaglicht auf eine scheinbar fehlende Bürokultur Amazons.

Bezos: "Hoffentlich erkennen Sie das beschriebene Unternehmen nicht wieder"

Erst nach Veröffentlichung des Artikels reagierte Bezos - per Mail an die Mitarbeiter. Der Bericht vom Wochenende stelle einzelne Geschichten über "schockierend gefühllose Management-Praktiken" in den Vordergrund, schrieb Bezos in seiner E-Mail. "Ich bin überzeugt, dass jeder, der bei einem Unternehmen arbeitet, wie es in der "New York Times" beschrieben wurde, wahnsinnig wäre, zu bleiben. Ich weiß, dass ich so ein Unternehmen verlassen würde", schrieb Bezos.

Diskussion bei Linkedin

Wenn den Mitarbeitern Geschichten aus dem Artikel bekannt vorkämen oder wenn sie ähnliches erfahren hätten, dann bitte er dies der Personalabteilung zu melden. Er bat Mitarbeiter auch, ihn notfalls persönlich anzuschreiben und gab seine Email-Adresse an. "Hoffentlich erkennen sie das beschriebene Unternehmen nicht wieder. Hoffentlich haben sie Spaß daran, mit einem Haufen brillanter Mitarbeiter zu arbeiten, die die Zukunft prägen wollen und dabei Spaß haben", endet seine Email.

Bezos ermutigte seine Mitarbeiter explizit, den Artikel zu lesen. Er wies aber auch auf einen länglichen Beitrag eines Amazon-Mitarbeiters beim US-Karrierenetzwerk Linkedin hin. Darin hatte Nick Ciubotariu, Chef für Infrastruktur-Entwicklungen bei Amazon den Zeitungsartikel kritisiert und der Zeitung schlechte Recherche vorgeworfen.

Er gab aber auch zu, dass Amazon in der Vergangenheit durchaus einen schlechten Ruf in der Arbeitswelt hatte. Viele Amazon-Mitarbeiter verteidigten in Kommentaren unter dem Linkedin-Beitrag ihren Arbeitgeber. Andere wiederum - ehemalige Mitarbeiter, deren Verwandte oder Freunde - stützten die Recherchen der "New York Times". Die Zeitung hatte auch mit verschiedenen Anwälten und Personalberatern gesprochen, die Amazons Arbeitswelt ebenfalls in schlechtes Licht rückten.

Jeff Bezos scheint an der Qualität der von ihm geprägten Arbeitswelt scheinbar selbst zu zweifeln. Die Aussage "hoffentlich erkennen sie das beschriebene Unternehmen nicht wieder" drückt nämlich nicht gerade die Überzeugung aus, dass alles in Ordnung sei.

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