Dienstag, 20. November 2018

Madaus Der Medizinmann

Bei dem Pharmahersteller nistete sich ein Berater ein. Für ihn lohnte sich die Sanierung der Firma.

Hamburg - Beratung ist "Umsetzung nach allen Regeln der Kunst" lautet die "Leitlinie" des Düsseldorfer Beraters Walter Droege (47). Der Gründer der Droege & Comp. AG dachte bei dieser Formulierung wohl an die Möglichkeit, für sich selbst Macht und Reichtum zu maximieren. Entsprechend handelte er jedenfalls beim Kölner Arzneimittelhersteller Madaus (Umsatz: 600 Millionen Mark).

Droege, der gern als Unternehmerberater, nicht als Unternehmensberater angesehen werden möchte, machte sich bei Madaus unentbehrlich; an ihm kommt niemand vorbei.

Naturmedizin: Madaus stellt Arzneien auf pflanzlicher Basis her
Naturmedizin: Madaus stellt Arzneien auf pflanzlicher Basis her
Er ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, er ließ sich in den Vorstand delegieren, und er besitzt inzwischen ein Fünftel der Firma. Schon tauften die Beschäftigten Madaus scherzhaft in "Droemaus" um.

Die ungewöhnliche Situation geht zurück auf eine Entscheidung der 33 Madaus-Erben aus dem Jahr 1997. Sie beschlossen damals, ihre Gesellschaft an die Börse zu bringen. Doch dann stellte sich heraus: Madaus war kein Börsenkandidat, sondern ein Sanierungsfall.

Ein schlecht geplantes Projekt im indischen Goa, wo die Ausgaben von 20 auf 70 Millionen kletterten, verschlimmerte die Situation. Im April 1999 war das Eigenkapital beinahe aufgezehrt, die Kreditlinien waren erschöpft, der Gang zum Insolvenzgericht schien nahe.

Niemand im Vorstand oder im Aufsichtsrat unter Leitung von Familienoberhaupt John-Werner Madaus (71) hatte die Schieflage rechtzeitig bemerkt. Die Blamage legte es nahe, externe Helfer einzuschalten.

Madaus-Kontrolleur Herbert H. Jacobi (66), Aufsichtsratsvorsitzender beim Bankhaus HSBC Trinkaus, empfahl Droege. Der Betriebswirt, der nicht gerade als Sympathieträger gilt, zog im April 1999 zur "Grobanalyse" mit fünf Beratern bei Madaus ein.

Nach vier Wochen stellte sich heraus: Das Auslandsgeschäft des Spezialisten für Phytopharmaka (Arzneimittel auf pflanzlicher Basis) war grundsätzlich gesund. Die Verluste (35 Millionen Mark in der AG) waren vor allem in Deutschland entstanden.

Am Firmensitz in Köln herrschte betriebswirtschaftliches Mittelalter. Die Warenwirtschaftssysteme waren veraltet, die Lagerbestände zu hoch, das Sortiment war ausgeufert, das Controlling mangelhaft.

Droege kümmerte sich zunächst um die Liquiditätssicherung. Die Düsseldorfer WGZ-Bank sowie HSBC Trinkaus & Burkhardt leisteten finanzielle Soforthilfe.

Die neuen Kreditgeber unterlegten ihr Engagement mit dem Erwerb kleiner Anteile. Trinkaus-Aufseher Jacobi zeichnete persönlich 0,5 Prozent, die Düsseldorfer WGZ-Bank 2,5 Prozent. WGZ-Vorstand Albrecht Schade bedauert heute, dass er kleckerte, anstatt zu klotzen.

Ganz anders Droege, der fest an sich glaubte. Der Berater erwarb über seine Privatgesellschaft DIC Deutsche Investors Capital von der Familie 20 Prozent (Grundkapital der Madaus AG: 65 Millionen Mark).

In die Firma zogen nun 15 Droege-Berater ein. Das Team unter Füh- rung von Ralph Hartmann leistete ganze Arbeit. Heute ist Madaus in Produktion, Vertrieb und Entwicklung wieder auf der Höhe. Der Konzern wird dieses Jahr rund 61 Millionen Mark vor Steuern verdienen.

Eine beachtliche Leistung. Betriebsratschef Reinhard Thielmann: "Deswegen müssen wir aber Herrn Droege nicht als Retter feiern. Er kommt ja nicht vom Roten Kreuz."

Thielmann wird schwer damit fertig, dass die Hälfte der Beschäftigten gehen musste. In Köln-Merheim und Troisdorf arbeiten heute statt 780 nur noch 387 Mitarbeiter. Weitere 30 Prozent seien eigentlich überflüssig, meint Droege. Er behalte die Leute aber als "Wachstumsreserve".

In der Sanierungsphase verließen vier Madaus-Vorstände das Unternehmen. Als letzter der Anti-Droege-Partei ging Ende August 2000 Vorstand Gunther Niederheide. Der Marketingspezialist war erst 1998 von Bayer gekommen.

Im neuen vierköpfigen Vorstand sitzen zwei aus dem Droege-Team. Einen Vorstandsvorsitzenden gibt es nicht. Wozu auch? Droege wurde vom Aufsichtsrat in den Vorstand delegiert. Er steuert, wie es in einem internen Papier heißt, "über Vorstandssitzung als Quasi-CEO/VV" das Geschäft.

Die Eigentümerfamilie, nicht gerade mit unternehmerischen Talenten gesegnet, zog sich in den Aufsichtsrat zurück. Ein überfälliger Schritt. Der lange schwelende Streit zwischen Vettern und Onkeln hatte wesentlichen Anteil am Niedergang der Firma. John-Werner ("Johnnie") Madaus will 2001 den Aufsichtsratsvorsitz abgeben.

Dann wird Madaus ein ganz normales Unternehmen sein: mit klaren Strukturen, guten Wachstumsaussichten, soliden Finanzkennzahlen und frei von Vetternwirtschaft.

Für die Zukunft gibt es mehrere Modelle. Variante eins: Börsengang; Variante zwei: Verkauf an einen Konzern; Variante drei: Börsengang in Kombination mit Allianzen erfolgreicher Madaus-Töchter (Servox Medizintechnik, Euromed, Wasserburger Arzneimittelwerke).

Wie es kommt, hängt von Droege ab. Der Berater will sich nächstes Jahr von seiner 20-Prozent-Beteiligung trennen. Mit der Wahl des Käufers fällt eine Vorentscheidung.

Für Droege selbst wird sein Gastspiel bei Madaus lukrativ enden. Der Berater ließ ausrechnen, dass sich der Wert seiner Kapitaleinlage bis 2001 verzehnfacht haben wird.

Heide Neukirchen

© manager magazin 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH